Konjunktur-Ausblick
Briten staunen über positive Konjunktursignale

War's das schon? Ungläubig beobachten die Briten, wie ein Ökonom nach dem anderen das Ende der Rezession ausruft. Noch im April hatte sich Schatzkanzler Alistair Darling dem Spott ausgesetzt, als er die Konjunkturwende für das Ende des Jahres in Aussicht stellte, nun scheint es gar, als sei die Wende bereits vollzogen.

LONDON. Gespannt erwarten die Märkte nun, ob die Konjunkturdaten der kommenden Tage den positiven Trend bestätigen. Schon jetzt ist die Konsens-Vorhersage der Bankvolkswirte im Juni laut Citigroup so stark gestiegen wie in keinem Monat seit zehn Jahren. Im April und Mai war sie noch kräftig gefallen. Am meisten Gehör fand in der vergangenen Woche Martin Weale, der Chefökonom des Nationalen Instituts für Wirtschafts- und Sozialforschung (NIESR). Die Daten des einflussreichen Instituts deuten darauf hin, dass die britische Wirtschaft die Talsohle im März durchschritten hat und seit April bereits wieder wächst. Das würde bedeuten, dass die Briten trotz starker Abhängigkeit von der Finanzbranche mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von weniger als vier Prozent davonkämen. Zu den positiven Signalen zählten der Einkaufsmanagerindex, die Industrieproduktion und die Entwicklung am Häusermarkt. Der Einkaufsmanagerindex ist im Mai erstmals wieder über die Marke von 50 Punkten gestiegen. Ökonomen zeigten sich erfreut, dass der Dienstleistungssektor die Erholung anführte.

Positiv überraschte auch die Produktion der britischen Industrie im April. Sie stieg um 0,3 Prozent im Monatsvergleich, während die meisten Ökonomen mit einem weiteren Rückgang gerechnet hatten. Dazu trug bei, dass vorübergehend geschlossene Autofabriken in der Hoffnung auf einen Erfolg der gerade eingeführten Abwrackprämie die Fließbänder wieder anstellten. Auch die Chemieproduktion wuchs, alle anderen Branchen schrumpften jedoch. Die Industrie hat mit rund 18 Prozent einen deutlich kleineren Anteil am BIP als etwa in Deutschland.

Immer mehr positive Signale sendet auch der Häusermarkt, der großen Einfluss auf das Kaufverhalten der Haushalte hat. Die Hauspreise stiegen ebenso wie die Zahl der Käufe und der neuen Hypothekenverträge. Die rasche Senkung der Leitzinsen von 5,75 auf 0,5 Prozent habe die Haushalte stark entlastet und verhindert, dass allzu viele von ihnen in die Überschuldung rutschten, argumentiert Volkswirtin Karen Ward von HSBC. Da die Regierung zudem Zwangsversteigerungen erschwert habe, dürften trotz des stärksten Preiseinbruchs seit 60 Jahren weniger Briten ihre Häuser verlieren als in der letzten Immobilienkrise Anfang der Neunzigerjahre.

Michael Saunders von der Citigroup rechnet nun damit, dass die Häuserpreise nach einer Korrektur von 20 bis 25 Prozent bald den Boden erreichen und 2010 stabil bleiben. Bisher hatte er einen weiteren Rückgang von fünf Prozent erwartet. Die Bauindustrie steckt allerdings noch tief im Tal der Tränen, wie der neunprozentige Rückgang der Produktion im ersten Quartal zeigt.

Die Wende auf dem Häusermarkt dürfte einen positiven Einfluss auf den Konsum haben. Ob der sich schon in den Einzelhandelsumsätzen für Mai zeigt, ist aber fraglich. Sie werden für Donnerstag erwartet. Saunders rechnet mit Nullwachstum nach einem Plus von 0,9 Prozent im April. Eine positive Überraschung könnte das Lager der Optimisten weiter verstärken. Das gilt auch für die monatliche Umfrage des Wirtschaftsverbandes CBI für Juni. Hier rechnen Ökonomen mit einer leichten Verbesserung der Erwartungen und der Auftragseingänge. Kein Zweifel dürfte aber daran bestehen, dass die Arbeitslosenzahlen weiter steigen – die Mai-Daten kommen am Mittwoch. Zuletzt betrug die Quote 7,1 Prozent.

Insgesamt zeigt sich das Bild einer Wirtschaft, die den Tiefpunkt erreicht hat oder bald erreicht. Ökonomen streiten sich nur noch darüber, ob die Rezession bereits im zweiten Quartal geendet hat oder es im dritten Quartal tun wird. Der Regierungsprognose eines BIP-Rückgangs von 3,5 Prozent 2009 stimmen nun die meisten Ökonomen zu. Doch sie pflichten auch den Warnungen Darlings bei, der am Wochenende vor allem die rasch steigenden Preise für Öl und andere Rohstoffe als Konjunkturrisiko anführte. Mehr als eine anfällige Konjunkturerholung mit niedrigen Wachstumsraten sei fürs Erste nicht drin, warnt zum Beispiel George Buckley von der Deutschen Bank. Er sagt ein Plus von 1,2 Prozent für 2010 voraus. Stärker könnte das Comeback ausfallen, wenn sich die geldpolitischen Belebungsmaßnahmen als übertrieben erweisen sollten. Die Notenbank steckt mitten in dem Prozess, die Wirtschaft durch direkte Wertpapierkäufe mit 125 Mrd. Pfund Liquidität zu fluten.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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