Konjunktur
Briten erwarten Zinsanstieg

Die robuste Konjunktur in Großbritannien spricht für eine weitere Straffung der Geldpolitik. Die meisten Fachleute erwarten, dass die Bank of England die Leitzinsen anhebt, um die Inflation in Schach zu halten. Schlechte Nachrichten für Exporteure und britische Banken.

LONDON. In Großbritannien droht noch im Herbst die zweite Zinserhöhung innerhalb weniger Monate. 40 der 54 von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Volkswirten gehen davon aus, dass die Bank of England unter ihrem Chef Mervyn King im November die Zinsen noch einmal um einen Viertel Prozentpunkt auf dann 5,0 Prozent anheben wird.

Die britischen Währungshüter hatten bereits am 3. August die Zinsen auf 4,75 Prozent erhöht. Die seither veröffentlichten Wirtschaftsdaten sprechen weiter für eine robuste Entwicklung der britischen Wirtschaft und steigenden Inflationsdruck.

So wuchsen die Umsätze des Einzelhandels zuletzt so schnell wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. Darüber hinaus zeigen die Daten des Hypothekenfinanzierers Nationwide, dass die britischen Hauspreise in diesem Jahr noch einmal um 6,6 Prozent gestiegen sind. Gleichzeitig erhöhte sich das Volumen genehmigter Hypothekendarlehen im Juli um knapp zehn Mrd. Pfund – der höchste Anstieg seit September 2003.

„Die Zinserhöhung im August hat den Immobilienmarkt nicht abgekühlt, das spricht für eine weitere Anhebung der Leitsätze noch in diesem Jahr“, meint die Nationwide-Volkswirtin Fionnuala Earley. „Möglicherweise wird die Bank of England auch schon vor November aktiv“, sagt Alan Clarke, Volkswirt bei BNP Paribas. Das hänge davon ab, ob die Inflation weiter schneller ansteige als von den Währungshütern erwartet. Im Juli stiegen die Verbraucherpreise im Jahresvergleich um 2,4 Prozent und damit schneller als das Inflationsziel der Bank of England erlaubt, das bei 2,0 Prozent liegt.

Eine weitere Zinserhöhung dürfte zu einem erneuten Anstieg des Pfundkurses führen – eine Belastung für die britischen Exporteure. Mit Kursen von über 1,48 gegenüber dem Euro und über 1,90 gegenüber dem Dollar hält sich die britische Währung auf dem höchsten Stand seit acht Monaten. Neben strukturellen Faktoren, die das Pfund bei Zentralbanken als Reservewährung attraktiver machen, trägt vor allem der Renditevorsprung für Sterling-Anleihen zur Stärke der Währung bei.

Nicht nur für die Exporteure, auch für die britischen Banken wäre eine weitere Zinserhöhung eine schlechte Nachricht. Ihre Refinanzierung würde teurer, aber vor allem würden sich die massiven Probleme im Geschäft mit Verbraucherkrediten noch einmal verschärfen. Viele Briten sind bis zur Grenze der Belastbarkeit verschuldet. Im zweiten Quartal stieg die Zahl der Privatinsolvenzen auf einen neuen Rekordstand. Die britischen Großbanken mussten deshalb ihre Rückstellungen für faule Kredite drastisch erhöhen. Allein bei Barclays stieg die Risikovorsorge im ersten Halbjahr um 50 Prozent auf eine Mrd. Pfund.

In der vergangenen Woche hatte die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Leitzinsen bei 3,0 Prozent unverändert gelassen. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat aber in seiner Kommentierung für den Oktober praktisch schon eine weitere Zinserhöhung auf dann 3,25 Prozent angekündigt.

Anders ist die Situation in den USA: Dort deutet sich nach einer ganzen Kette von Zinserhöhungen jetzt eine Pause an – einzelne Stimmen sprechen sogar schon von einer Zinswende.

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