WSI-Studie
Aufschwung kommt nicht bei allen Deutschen an

Trotz Mindestlohn und Wirtschaftsaufschwung – die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich wieder. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut warnt: Die Ungleichheit müsse wieder begrenzt werden.

BerlinDie Einkommensschere in Deutschland öffnet sich einer Studie des gewerkschaftsnahen WSI-Instituts zufolge wieder. Der Aufschwung seit der Finanzmarktkrise sei bislang nur bei einem Teil der Menschen angekommen, hieß es in dem am Donnerstag veröffentlichten Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI). „Für die Mittelschicht ist das Risiko gewachsen, finanziell abzusteigen.“ Die Schere bei den Einkommen habe sich während der Krise nur vorübergehend leicht geschlossen und gehe nun wieder weiter auseinander. Zudem seien die Aufstiegschancen ärmerer Haushalte über die vergangenen drei Jahrzehnte gesunken.

Den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro bezeichnete WSI-Expertin Dorothee Spannagel als wichtigen ersten Schritt gegen eine „wirtschaftliche und soziale Polarisierung“. Um die Ungleichheit weiter zu begrenzen, sollten „superreiche“ Haushalte höher besteuert werden – etwa durch die Abschaffung der pauschalen Abgeltungssteuer und Reformen bei der Erbschaftsteuer. „Die sehr Reichen schweben regelrecht über den konjunkturellen Krisen, während viele Arme auch von einem länger andauernden wirtschaftlichen Aufschwung kaum profitieren.“

Sehr wohlhabende Haushalte, die mehr als das Dreifache des sogenannten mittleren verfügbaren Einkommens beziehen, müssen dem Bericht zufolge zurzeit seltener als in den 1980er-Jahren einen Abstieg befürchten. „Für Arme sanken im gleichen Zeitraum die Chancen auf Aufstieg beträchtlich, sie bleiben häufiger arm.“ Trotz der Konjunkturerholung in den vergangenen Jahren liege Deutschland bei der sogenannten Armutsquote nach wie vor nur im europäischen Mittelfeld. „Arm ist nicht nur, wer nicht genug zum Überleben hat“, sagte Spannagel. „Sondern arm ist auch, wer aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen aus Teilbereichen der Gesellschaft ausgeschlossen ist.“

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
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