Konjunktur
Ein „V“ oder ein „L“?

Als die Weltwirtschaft nach dem G 20-Gipfel in London gerettet schien, schickte das Washingtoner Peterson-Institut für Weltwirtschaft zwei seiner pointiertesten Ökonomen zum Dauer-Schlagabtausch auf die Bühne, um den Gipfeloptimismus nicht überschäumen zu lassen. Sie bieten eine Vorlage für den IWF, der in den kommenden Tagen zu seiner Frühjahrstagung zusammenkommt.

WASHINGTON. C. Fred Bergsten, Chef des Instituts, hat sich die kleine Provokation ausgedacht. Michael Mussa und Simon Johnson. Während Mussa Hoffnung versprüht, tritt Johnson auf die Bremse. In dieser Woche trifft sich die Finanzwelt erneut, diesmal zur Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) – und noch immer tobt der Streit, ob nun der Optimist Mussa oder der Pessimist Johnson recht hat.

Beide Ökonomen haben selbst für den IWF gearbeitet, viele Jahre lang Mussa, eher kurz Johnson. Beide wissen genau, welche Bedeutung die Vorhersagen besitzen, die der IWF in den nächsten Tagen veröffentlicht. Zwar ist die Profession des Vorhersagens seit Einsetzen der Finanzkrise schwer in Verruf geraten. Doch diese Schlacht ist geschlagen, nun geht es um die Zukunft und vor allem die Frage, wann denn die Krise bewältigt sein wird. Und da bieten die beiden Streithähne aus dem gleichen Stall, Mussa und Johnson, für jeden Geschmack etwas, „V“ und „L“. Das sind die Buchstaben, die den Verlauf der Erholung nach der Krise beschreiben. Mussa steht für das „V“, Johnson für das „L“.

So unterschiedlich wie ihre Erwartungen, so treten die beiden auch auf. Stets witzig und mit der Gravitas von einem halben Jahrhundert ökonomischer Erfahrung der eine, immer ein wenig bissig und mit dem Privileg des Jüngeren der andere. Der 65-jährige Mussa strahlt, der 46-jährige Johnson stochert. Der eine geht über seine früheren Fehlprognosen mit einem entwaffnenden Lächeln hinweg, der andere insistiert auf den Fakten, die er seit Monaten twitternd und bloggend im ganzen Land verbreitet.

Mussa, der jedes Jahr seine eigene Wirtschaftsprognose aus einem Ozean von Daten extrapoliert, sieht bereits ab dem Sommer eine kräftige „V“-Silhouette für die Wirtschaft: Steil ging es bergab bis zum Tiefpunkt, doch schon bald werde das Wachstum wieder in die Höhe schießen. Warum? Weil die zurück gestauten Investitionen plus die Konjunkturspritzen große Nachfrageschübe auslösten. Zudem seien historisch gesehen massive Abstürze noch immer in steile Aufschwünge gemündet. Deshalb: 3,7 Prozent weltweites Wachstum in 2010.

Johnson, der Brite mit der ernsten Stirnfalte, sieht das ganz und gar anders. Nach dem Tief werde die Weltwirtschaft durch eine lange und flache Ebene gehen müssen – durch ein „L“ eben, in der es wenig Freude und viel Mühsal geben wird. Die Rettungspläne würden scheitern, weil Banken und Hedge-Fonds nicht in den Griff zu bekommen seien. Den USA könnte es dabei ergehen wie Japan, das nach der Krise der 90er-Jahre zehn Jahre lang nicht aus dem Knick kam. Schon redet Johnson von einem „verlorenen Jahrzehnt“, das der Welt jetzt drohe.

Zwischen Mussa und Johnson steht Altmeister Bergsten, lächelnd und wissend, dass sein Institut diesmal richtig liegt. Denn wenigstens eine der beiden Prognosen wird wohl diesmal auch eintreffen. Entweder wird es ein „V“ oder ein „L“. Oder doch noch etwas ganz anderes?

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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