Konjunktur
Japan rutscht in die Rezession

Auch Japans Wirtschaft schrumpft. Das Bruttoinlandprodukt des ostasiatischen Inselreichs nahm im Quartal von Juli bis September im Vorjahresvergleich um 0,1 Prozent ab. „Die weitere Entwicklung ist ebenfalls von erheblichen Risiken belastet. Japan befindet sich in einer sehr ernsten Lage“, sagte der Sonderminister für Wirtschafststrategie, Kaoru Yosano am Montag in Tokio.

TOKIO. Bereits im Aprilquartal war Japans Bruttoinlandprodukt zurückgegangen. Damit lag die Wirtschaftsleistung des Landes zum ersten Mal seit sieben Jahren für zwei aufeinanderfolgende Quartale im Minus. „Es gibt praktisch keinen Lichtblick“, sagt Mitsumaru Kumagai vom Daiwa-Forschungsinstitut. „Wir sehen auch das kommende Jahr pessimistisch.“

Die Exporte trugen immerhin noch plus 0,5 Prozentpunkte zum Wachstum bei. Es sind derzeit vor allem die Erwartungen einer schweren Krise, die diese vorantreiben: Am stärksten waren mit 1,7 Prozent die Investitionen der Industrie gesunken. Dieses Minus machte Steigerungen in anderen Bereichen zunichte. Die Konsumausgaben etwa hatten leicht zugenommen. Japan ist zwar von der Finanzmarktkrise auf direktem Wege weniger schlimm betroffen als die EU-Länder. Bisher musste noch keine japanische Bank wegen Investments in US-Kreditmarktpapiere Insolvenz anmelden. Viele Institute machen sogar noch Gewinn. Doch wegen seit fast 20 Jahren schwacher Nachfrage im Inland hängt Japans Wachstum allein am Export. Da die Amerikaner und Europäer jedoch auffällig weniger konsumieren, berichtet die Industrie von stark zurückgehenden Auslandsgewinnen. Dazu kommt, dass der Wechselkurs für Japans Währung seit September um ein rundes Drittel gestiegen ist. Ein teurer Yen bedeutet jedoch, dass Firmengewinne aus den USA und dem Euroraum in Japan weniger wert sind.

Der BIP-Rückgang entsprach ungefähr dem, was Ökonomen angesichts der schlechten Lage der Weltwirtschaft erwartet hatten. „Die zwei aufeinenderfolgenden Quartale mit Minuswachstum bestätigen, dass Japan sich in einer Rezession befunden hat“, sagt Akira Maekawa von der UBS in Tokio. Für das Gesamtjahr erwartet er ein hauchdünnes Plus im Wachstum von 0,1 Prozent. Experten von Goldman Sachs prophezeien, dass eine leichte Erholung des Wertes für den Wohnungsbaus nur kurzzeitig positiv beitragen wird: Im vergangenen Jahr sah es wegen einer Gesetzesänderung für die Baubranche gegen den Trend extrem düster aus, so dass der Anstieg eher eine Rückkehr in den normalen Bereich signalisiert. „Japan rutscht tiefer in den Sumpf der weltweiten Krise“, sagt Goldman-Ökonom Tetsufumi Yamakawa.

Von 2002 bis 2007 erlebte Japan den längsten ununterbrochenen Aufschwung seit Erfassung von Wirtschaftsdaten – die Wachstumtumsphase war sogar länger als in der Nachkriegszeit. Getragen war die Konjunktur von starker Nachfrage aus China und anderen asiatischen Ländern – sowie dem US-Konsumboom, der zum Teil auf Pump bezahlt war. China befindet sich zwar bei weitem noch nicht so tief im Sumpf der Krise wie die westlichen Länder, doch die Bestellungen aus dem Reich der Mittel gehen bereits zurück. Viele der von dort nachgefragten Produkte waren für Weiterverarbeitung und -verkauf in die USA und nach Europa bestimmt. Die direkten Exporte Japans in die USA sind bereits spektakulär eingebrochen.

Auf ein starkes Wachstum des japanischen Binnemarkts braucht derzeit keiner zu hoffen. Die Stimmung im alternden Japan ist ohnehin belastet, zumal die Arbeitgeber auch in den Zeiten des schönsten Wachstums kaum etwas auf die Löhne und Gehälter draufgelegt haben und immer mehr Menschen nur unsichere Jobs finden. Andererseits hat Japan eine hausgemachte Finanzkrise überstanden, ohne dass die Geschäfte leer blieben. Die japanische Regierung tut derzeit das ihrige, um die Lage zu retten und legt ein gut ausgestattetes Konjunkturprogramm auf.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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