Konjunktur
Japan vor Deflation: Notenbank schlägt Alarm

Nach den Horrormeldungen über drastische Auftragseinbrüche für die heimische Industrie, steht Japan wohl bald die nächste Hiobsbotschaft ins Haus. Nach Worten von Wirtschaftsminister Kaoru Yosano steht dem Land eine Deflation bevor. Die Krise ruft auch Japans Notenbank auf den Plan. In einer eilig einberufenen Sitzung soll über die Situation beraten werden.

HB SINGAPUR/ TOKIO. „Ich kann Ihnen nicht sagen, dass der nächste Tag schön wird. Die Zeit, Durchhaltevermögen zu zeigen, ist gekommen“, sagte Wirtschaftsminister Yosano der „Financial Times“ in einem Interview. „Wir bewegen uns auf die nächste Phase eines sinkenden Verbrauchs zu. Einige nennen es Deflation“, fügte der Minister hinzu.

Unter einer Deflation versteht man einen Rückgang des Preisniveaus über mehrere Monate hinweg, der im Regelfall von steigenden Arbeitslosenzahlen und Produktionseinbrüchen begleitet wird.

Angesichts der immer tieferen Rezession schlägt auch die japanische Notenbank Alarm. „Die jüngsten Daten, etwa zur Industrieproduktion zeigen, dass die Wirtschaft in eine ernste Lage geraten ist“, warnte Zentralbank-Gouverneur Masaaki Shirakawa zu Wochenbeginn und berief für Dienstag eine Krisensitzung ein. An den Kreditmärkten verschlechterten sich die Bedingungen für Firmen in ähnlich rapider Weise wie vor rund zehn Jahren in der Asienkrise, sagte der oberste Währungshüter.

Experten erwarten, dass Shirakawa im Kampf gegen die Krise nun den Kreditmarkt stützen, jedoch nicht sofort an der Zinsschraube drehen wird. Die Notenbank hatte ihren Leitzins im Kampf gegen die Wirtschaftsflaute im Oktober bereits von 0,5 auf 0,3 Prozent gesenkt. Anders als etwa in Australien und Neuseeland, wo diese Woche kräftige Zinssenkungen erwartet werden, gibt es für Japan damit kaum noch Spielraum für eine Lockerung.

Die Wirtschaftslage verschlechtert sich jedoch rapide: Der Absatz der Automobilindustrie ging im November zum Vorjahr um mehr als ein Viertel zurück. Einen solchen Einbruch hat die japanische Vorzeigebranche seit fast 40 Jahren nicht mehr erlebt. Auch das Verarbeitende Gewerbe wird voraussichtlich im letzten Vierteljahr im Rekordtempo schrumpfen.

Wegen der akuten Probleme kann sich die Notenbank nicht auf die ohnehin nur mit Verzögerung wirkende kleine Zinssenkung als Instrument zur Krisenbewältigung verlassen. Wie der Sender NHK meldete, denken die Währungshüter daher darüber nach, die Kriterien für die Annahme von Unternehmensanleihen als Sicherheit bei der Vergabe von Zentralbankgeld vorübergehend zu lockern. Damit könnten Engpässe am Kreditmarkt abgewendet werden. Die Notenbank wollte sich zu dem Bericht nicht äußern. Die Währungshüter waren erst vor gut einer Woche zu einer regulären Zinssitzung zusammengekommen. Danach hatten sie angekündigt, beim Ankauf von Wertpapieren flexibler zu sein.

Konjunkturforscher warnen, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt drohe die längste Rezession ihrer Geschichte. Die Wirtschaft ist im Frühjahr und Sommer geschrumpft und wird wohl auch zum Jahresende ihren Abschwung weiter fortsetzen. Wirtschaftsminister Yosano sieht trotz der Flaute kaum Spielraum, der Wirtschaft mit einem teuren staatlichen Konjunkturprogramm auf die Beine zu helfen. „Wir stehen schon tief in der Kreide“, sagte Yosano der „Financial Times“. In Japan ist das Staatsdefizit anderthalb Mal so groß wie das Bruttoinlandsprodukt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%