Konjunktur
Japans lahmendes Wachstum verstärkt Sorgen

Japans Konjunkturmotor stottert: Das tatsächliche Wirtschaftswachstum im letzten Quartal blieb unter allen Erwartungen. Allerdings zeichnet sich ab, dass die niedrigen Zahlen nur auf den ersten Blick ein schlechtes Ergebnis sein könnte.

TOKIO. Japans Wirtschaft ist von April bis Juni gerade mal um 0,1 Prozent gewachsen. Da dieser Wert geringer lag als erwartet, wurden Konjunktursorgen laut. Im Vorquartal hatte das reale Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) noch bei 0,8 Prozent gelegen. Vor allem der Export in die USA und die Verbrauchernachfrage gaben deutlich nach, heißt es im vorläufigen Konjunkturbericht der japanischen Regierung. Viele Ökonomen erwarten aber eine Rückkehr zu stärkeren Wachstumszahlen und prognostizieren für das Gesamtjahr wieder einen BIP-Anstieg.

Wirtschaftswissenschaftler hatten in einer Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo im Schnitt mit einem Wachstum von 0,3 Prozent im abgelaufenen Quartal gerechnet. Die Abflachung kam also nicht ganz unerwartet, fiel aber deutlicher aus als vorausberechnet. „Der größte Teil des Rückgangs ist auf ein Nachlassen der Importe zurückzuführen – unterm Strich war der Beitrag der Außennachfrage geringer als zuvor“, sagt Ökonom Tetsufumi Yamakawa von Goldman Sachs und warnt vor einer Überinterpretation. „Wir halten das Wachstum trotz der Zahlen für solide“, schreiben auch Experten von Barclays Capital. Das Wachstum habe sich in den vergangenen Quartalen auf hohem Niveau bewegt – in einer entwickelten Volkswirtschaft seien unter solchen Umständen nicht pausenlos neue Höchststände zu erwarten. Selbst die Exporte sehen angesichts eines Rückgangs der US-Konjunktur nicht schlecht aus.

Im ersten Kalenderhalbjahr 2007 wuchst die japanischen Wirtschaft trotz des Durchhängers im zweiten Quartal stärker als im Vergleichszeitraum 2006. Und auch im Quartal von April bis Juni findet sich eine Reihe von guten Nachrichten. So ist ein leichter Anstieg der Inflation zu erkennen – angesichts lange stagnierender Preise ist das ein günstiges Signal. Die Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen zogen deutlich an.

Wie es mit den Ausgaben der Konsumenten weitergeht, ist offen. Durch das Ende von zeitweilig gewährten Steuererleichterungen dürfte ab diesem Sommer das verfügbare Einkommen sinken. Aus Sicht der Ökonomen kommt es nun darauf an, wie sich Arbeitslosigkeit und Verbraucherausgaben tatsächlich entwickeln.

Für das laufende Quartal erwarten die Ökonomen von Goldman Sachs ebenfalls nur ein geringes Wachstum. Das Verbrauchervertrauen sinke, erste Anzeichen weisen bereits auf geringe Einzelhandelsumsätze hin. Im Herbst und Winter könnte der quartalsweise BIP-Anstieg dann aber wieder Werte um zwei Prozent erreichen. Der bereits seit 2002 laufende Aufschwung könne auf diese Weise gut bis 2008 oder 2009 anhalten.

Die aktuell veröffentlichten Zahlen könnten noch wichtig werden, wenn der Zinsausschuss der japanischen Notenbank kommende Woche zusammenkommt. Die Bank of Japan (BoJ) will den Leitzins von derzeit 0,5 Prozent auf 0,75 Prozent anheben, könnte aber wegen Zweifeln an der Konjunktur zögern. Die Unsicherheit an den Finanzmärkten infolge der US-Hypothekenkrise könnte die Notenbanker zusätzlich vorsichtig stimmen. Aus der Nachfrage nach Absicherungsgeschäften gegen Zinsänderungen leitet die Credit Suisse derzeit eine Wahrscheinlichkeit von etwa 30 Prozent für einen Zinsschritt am 23. August ab.

Ökonomen schätzen die Reaktion der BoJ unterschiedlich ein. „Wir denken, dass die BoJ den Zinsschritt trotz der Erholung der Binnennachfrage verschieben wird“, sagt Yamakawa von Goldman Sachs. Wer für Liquidität sorgen wolle, könne nicht zugleich die Zinsen hochschrauben. Anders sieht Seiji Adachi von der Deutschen Securities Tokio die Lage. Der Wille der BoJ zum Zinsschritt sei stark genug, um sie über die oberflächlichen Wachstumsschwankungen hinweg blicken zu lassen.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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