Konjunktur: Konjunktur: Wann der Sturzflug aufhört

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Konjunktur: Wann der Sturzflug aufhört

Derzeit deutet nur wenig darauf hin, dass sich der Wirtschaftsabschwung verlangsamen könnte. Im Gegenteil: Die jüngste Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) lässt Schlimmes befürchten. Es gibt aber auch Lichtblicke. Mancher Ökonom hält das Jahr 2009 für das Jahr der Bodenbildung.

DÜSSELDORF. Wohin steuert die Konjunktur, wann hat der Abschwung seinen Boden erreicht? Die Prognostiker überschlagen sich mit Horroreinschätzungen. Da haben selbst positive Meldungen über einige Frühindikatoren keine Chance. So fielen die jüngsten Konjunkturdaten aus den USA deutlich besser aus als gedacht, woraufhin Dax und Dow ihre Gewinne ausbauten. Und auch in Deutschland keimte überraschend etwas Hoffnung, nachdem das Münchner Ifo-Institut verkündete, dass der Geschäftsklimaindex im Januar erstmals seit Mai vorigen Jahres gestiegen sei. Keine trüben Aussichten – eigentlich. Doch die Halbwertszeit positiver Nachrichten ist kurz, wie die aktuelle Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigt. Danach wird die Weltwirtschaft in diesem Jahr so langsam wachsen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Also doch trübe Aussichten? Ja und nein. Jedenfalls ist das die Antwort, wenn man sich mit führenden Ökonomen über die Wirtschaftslage unterhält. Der amerikanische Ökonom Nouriel Roubini beispielsweise, der sich mit seinen treffsicheren Prognosen zur Finanzkrise einen Namen gemacht hat, sieht die Zukunft düster denn je. Im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) sagte er weitere dramatische Entwicklungen voraus: So würden die Börsenkurse um weitere 20 Prozent fallen und die Kreditausfälle mehr als drei Billionen Dollar betragen. Er begründet seine Einschätzung zum einen damit, dass die Unternehmensgewinne aufgrund der schwachen Nachfrage enttäuschend ausfallen werden. Zweitens gebe es weltweit eine Güterangebotsschwemme, da unter anderem China industrielle Überkapazitäten aufgebaut habe, sagt er. Aus seiner Sicht werden zudem die makroökonomischen Daten in den kommenden Monaten enttäuschen. Und viertens sei mit weiteren „Schockmeldungen“ aus dem Finanzsektor zu rechnen, ist sich Roubini sicher.

Ähnlich, aber nicht ganz so dramatisch, fällt die Einschätzung des Chefvolkswirts der Commerzbank, Jörg Krämer, aus. Auch er hebt hervor, dass die Aktienkurse darunter litten, dass die Unternehmen wegen der Rezession weniger Gewinne machen. Die Aktienanalysten hätten ihre Schätzungen für die Unternehmensgewinne noch nicht ausreichend gesenkt, sagte Krämer im Gespräch mit Handelsblatt.com. „Deshalb bezweifele ich, dass wir am Aktienmarkt bereits das Tief gesehen haben.“

Andererseits gibt Ökonom Krämer zu bedenken, dass zuletzt einige Frühindikatoren weniger schlecht ausgefallen seien. „Das widerspricht zumindest nicht der These, dass die amerikanische und die deutsche Volkswirtschaft Mitte des Jahres aufhören könnten zu schrumpfen“, erläutert er. Die Erleichterung über ein mögliches Ende der Rezession könnte nach Ansicht Krämers daher die Aktienkurse im Frühjahr „vorübergehend ordentlich steigen“ lassen. „Ich sehe allerdings keinen andauernden Bullenmarkt, weil der Rezession kein ordentlicher Aufschwung folgen wird“, betont der Volkswirt und verweist auf die US-Häuserpreise, die seiner Meinung nach noch weit bis in das Jahr 2010 hinein fallen werden.

Im Zusammenhang mit dem Preiszerfall der amerikanischen Wohnimmobilien nennt Ökonom Roubini eine weiteres noch nicht abschätzbares Risiko für die Weltkonjunktur. Eine von ihm publizierte Studie über die Vereinigten Staaten zeige, dass die Kreditausfälle deutlich zunehmen werden, sagte er. Es drehe sich dabei aber nicht nur um „den berühmt-berüchtigten“ Subprime-Bereich, sondern auch um sogenannte Prime-Kredite, Kredite für kommerzielle Immobilien, für die Finanzierung von Übernahmen und auch um Unternehmensanleihen. „Wir gehen im Moment davon aus, dass sich die Summe der Ausfälle auf mehr als drei Billionen Dollar belaufen wird, die Hälfte davon bei Banken“, sagte Roubini. Das gesamte System sei insolvent, da die Verluste größer sein werden als die Kapitalbasis, ist er überzeugt. Die Verluste werden seiner Ansicht nach breit gestreut sein. „Es ist kein Subprime-Problem, sondern das gesamte Finanzsystem ist als Resultat einer gigantischen Kredit- und Vermögenspreisblase subprime“, sagte der Ökonom.

Optimistischer blickt dagegen Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, in die Zukunft. „Aus unserer Sicht ist das Jahr 2009 das Jahr der Bodenbildung - in der Konjunktur, wie auch an den Finanzmarkten“, sagte Kater im Gespräch mit Handelsblatt.com. Dabei könnten die Aktienmärkte allerdings durchaus „nochmal ihre bisherigen Tiefstände testen“, fügte er hinzu.

Kater spricht denn auch von einem noch schwierigen wirtschaftlichen Umfeld, selbst wenn der freie Fall der Konjunkturindikatoren jüngst in einigen Fällen gestoppt worden sei. „Wie immer bei Bankenkrisen ist es die vordringliche Aufgabe, das Bankensystem von stark wertgeminderten und weiterhin problematischen Bilanzpositionen zu befreien“, sagte er und wies darauf hin, dass der Umfang solcher Positionen meist höher sei als man sich zu Beginn habe vorstellen können. Das liege auch daran, dass mit immer neuen Marktkorrekturen auch immer neuer Abschreibungsbedarf bestehe. Dennoch ist sich Ökonom Kater sicher: „Wir erreichen in diesem Jahr wohl endlich Klarheit über die noch vor uns liegenden Bereinigungsaufgaben.“

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik
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