Konjunktur
Leichte Entwarnung für Osteuropas Wirtschaft

Nach "sehr großen Einbrüchen" in den Realwirtschaften der Staaten Mittel- und Osteuropas hat die Region nach Einschätzung der Osteuropaförderbank EBRD möglicherweise "die beiden schlimmsten Quartale hinter sich". EBRD-Chef Thomas Mirow rechnet damit, dass es im Osten bereits im kommenden Jahr wieder aufwärts geht.

BERLIN. Für dieses Jahr senkte der größte Finanzier in der Region zwischen Oder und Zentralasien seine Prognose auf ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung von 5,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (nach 4,2 Prozent Wachstum in 2008). Zugleich will die EBRD laut Mirow mit noch mehr finanziellem Engagement einem weiteren Abrutschen der Region entgegensteuern.

Mit einem 25 Mrd. Euro umfassenden Investitions- und Finanzierungspaket will die EBRD zusammen mit der Weltbank-Tochter IFC und der Europäischen Investmentbank (EIB) systemrelevante Banken in der Region stabilisieren. Dazu gewährte die Osteuropabank vorige Woche der italienischen Unicredit den größten Kredit in der Geschichte der EBRD: Das in der Gesamtregion am stärksten vertretene Geldhaus erhielt demnach 432 Mio. Euro, womit die Refinanzierungsprobleme von Unternehmen in den Ost-Ländern mitgelöst werden sollen.

Zudem gab Mirow Entwarnung für die Finanzinstitute der Region: Zwar hätten die Banken dort - ohne Russland - einen Refinanzierungsbedarf von 100 Mrd. Euro sowie einen Rekapitalisierungsbedarf von weiteren 100 Mrd. Euro. Doch sei kein Geldhaus in konkreter Überlebensgefahr, und es habe auch kein Institut in großem Maß Kapital aus der Region abgezogen.

Am Schlimmsten sei die Lage in der Ukraine, unterstrich Mirow: "Die Ukraine macht uns in jeder Hinsicht Sorgen." Dazu zählten die weiter anhaltende politische Instabilität, Korruption, Intransparenz und wirtschaftliche Probleme. Für Russland, das mit Abstand größte Land Osteuropas, rechne die EBRD mit einem Schrumpfen des BIP von 7,5 Prozent. Mirow mahnte dringend Strukturreformen und eine Diversifizierung der russischen Wirtschaft an.

Vor allem das Einstürzen der Aktienkurse im Riesenreich hat sich bis in die Bilanz der EBRD fortgeschrieben: Die Förderbank musste für 2008 laut Mirow von ihrem Anlagebestand von Ende 2008 noch 6,5 Mrd. Euro insgesamt drei Mrd. Euro abschreiben. Dennoch werde das Institut gerade in der Krise sich noch mehr in Osteuropa engagieren.

Dennoch werde er bei der EBRD-Jahrestagung am Freitag in London keine Kapitalerhöhung fordern. Zwar verlangten bereits zahlreiche Nehmerländer eine Verdoppelung des Engagements des Instituts, doch nur wenn die Geberstaaten dies auch massiv unterstützten, sei eine Kapitalerhöhung nötig. Laut Mirow könne sein Institut auch ohne neue Mittel ein Geschäftsvolumen von sieben bis acht Mrd. Euro schultern.

Um in die Krise geratenen Staaten verstärkt helfen zu können, hatten die G20-Länder kürzlich eine drastische Erhöhung der Mittel des Internationalen Währungsfonds (IWF) beschlossen. Der entschuldigte sich unterdessen für gravierende Fehler in einem am 21. April veröffentlichten Osteuropa-Risiko-Bericht, der Wellen auf den Finanzmärkten geschlagen hatte: Darin war der kurzfristige Finanzbedarf vieler osteuropäischer Länder wegen Rechenfehlern viel zu hoch angegeben worden.

Der IWF hat nach Angaben eines Sprechers für Tschechien einen Kapitalbedarf von 236 Prozent seiner Währungsreserven angegeben statt der tatsächlichen 89 Prozent. Die Ukraine habe keine 206 Prozent ihrer Reserven an kurzfristigen Auslandsverbindlichkeiten, sondern 116 Prozent. Da ähnliche Fehler auch andere osteuropäische Länder betroffen haben könnten, werde der IWF schnellstmöglich neue Daten publizieren.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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