Konjunktur
Polen nimmt Fahrt auf

Die Industrieproduktion im größten EU-Staat Osteuropas zieht überraschend stark an. Damit ist Polen das einzige Land in der EU, das in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum verzeichnen kann. Auch die Zahl der Insolvenzen ist rückläufig.
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BERLIN. Während überall die Zahl der Insolvenzen steigt, sind die Firmenaufgaben in Polen sogar rückläufig. Im laufenden Jahr mussten in Osteuropas größtem EU-Mitgliedsland bisher 1 729 Unternehmen aufgeben – 455 weniger als 2008. Das geht aus Zahlen von Dun & Bradstreet hervor, die für 2010 mit nur noch 1 500 Insolvenzen rechnen. Zugleich haben allein im ersten Halbjahr 250 000 Polen eine neue Firma angemeldet.

Denn die polnische Konjunkturlokomotive nimmt schon wieder volle Fahrt auf: Die Industrieproduktion im November ist mit 9,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresvergleichzeitraum deutlich über den Erwartungen der Volkswirte gestiegen. Im Oktober war sie um 1,3 Prozent gefallen. Für Dezember 2010 rechnet Aneta Piatkowsks, Direktorin der Analyseabteilung des Warschauer Wirtschaftsministeriums, mit zehn Prozent Plus beim Industrieausstoß. Deshalb geht Zentralbankchef Slawomir Skrzypek im vierten Quartal von einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,9 Prozent aus. Polen ist das einzige EU-Land mit Wirtschaftswachstum in diesem Jahr.

Staatsverschuldung steigt rasant

Volkswirte sehen jetzt die Stabilisierung von Polens Realwirtschaft. Simon Quijano-Evans, Zentraleuropa-Experte bei Credit Agricole Cheuvreux, rechnet deshalb mit keiner weiteren Absenkung des Leitzinses von seinem Rekordtief von 3,5 Prozent im ersten Quartal 2010. Zugleich aber ist die Staatsverschuldung so stark angestiegen und die Landeswährung Zloty zeitweise so stark unter Druck geraten, dass Regierungschef Donald Tusk die geplante Einführung des Euro von 2012 auf 2015 verschoben hat.

Finanzminister Jacek Rostowski hat angekündigt, Polens Verschuldung werde auch kommendes Jahr unter 55 Prozent des BIP bleiben. Damit würden die EU-Vorgaben eingehalten. Das Haushaltsdefizit für 2010 verdoppelt sich allerdings auf umgerechnet 12,7 Mrd. Euro – und ist damit doppelt so hoch wie das Maastricht-Kriterium von drei Prozent eigentlich zulässt.

Als Gründe für Polens starkes Abschneiden in der Krise nennen Experten die relativ geringe Exportabhängigkeit, den massiven Einsatz von EU-Fördermitteln in Straßenbau- und Infrastrukturmodernisierungs-projekte, die Zloty-Abwertung und ein anhaltend gutes Konsumklima. Auch im November sind die Löhne erneut um 2,3 Prozent gestiegen, auf durchschnittlich 809 Euro.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

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