Konjunktur
Schwarzarbeit verzerrt Italiens Statistik

Langsam erholt sich die italienische Konjunktur, melden die Statistiker. Doch die offiziellen Daten sind nur bedingt aussagefähig – die Schattenwirtschaft macht einen außergewöhnlich großen Teil des Bruttoinlandsprodukts aus. Gerade in der Krise blüht die Schwarzarbeit. Ökonomen und Politiker rätseln deshalb: Wie gut geht es Italien wirklich?
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MAILAND. Mit einiger Verspätung springt auch Italiens Konjunkturmotor langsam wieder an. Während andere Länder schon im zweiten Quartal wieder erste Wachstumssignale aussandten, legte Italiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) erst im dritten Quartal wieder zu: um etwa ein Prozent, erwartet die Zentralbank Banca d'Italia.

Das Mittelmeerland hat die Krise nicht zuletzt dank der hohen Sparneigung der italienischen Familien besser überstanden als befürchtet. Dennoch wird das BIP in diesem Jahr um knapp fünf Prozent sinken; die Staatsverschuldung erreicht mit voraussichtlich 118 Prozent des BIP Ende 2010 neue Rekordhöhen, und die strukturellen Probleme bleiben. Außerdem bedroht der starke Euro die Erholung im Exportland Italien.

Doch die amtlichen Daten spiegeln nach Ansicht von Politikern und Ökonomen nicht die ganze Wahrheit über die Lage der italienischen Wirtschaft wider. Denn in dem Mittelmeerland spielt die Schattenwirtschaft eine außergewöhnlich große Rolle. Schätzungen über das Ausmaß gehen weit auseinander: Während etwa das Forschungsinstitut Cerm davon ausgeht, dass sie 25 bis 26 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmacht, rechnet das KRLS Network of Business Ethics gar mit einem Anteil von mehr als 50 Prozent. Andere Studien, die etwa vom Energieverbrauch ausgehen, um die wirtschaftliche Aktivität zu schätzen, kommen immerhin auf 45 Prozent.

Mit diesen hohen Zahlen erklärt sich auch eine überraschende Studie der Edison-Stiftung, nach der Italien beim BIP-pro-Kopf mit 22 876 Dollar (in Kaufkraft gemessen) nur auf Platz 22 weltweit kommt, es aber beim Nettovermögen pro Kopf mit 120 897 Dollar auf Platz Acht schafft. Auch die italienischen Steuerfahnder berichten über auffällige Widersprüche zwischen den Steuererklärungen und Luxusyachten sowie teuren Autos.

Was einige Experten als eine Art Ventil sehen, ist für andere ein Fluch. „Ich bin nicht damit einverstanden, dass die Schattenwirtschaft als Ventil für schwierige Zeiten zu begrüßen ist. Die starke Präsenz der Schattenwirtschaft verhindert eine Entwicklung, die einem zivilisierten Land entspricht“, sagt Fabio Pammolli, Direktor des Forschungsinstituts Cerm. „Wir haben eine Schattenwirtschaft auf dem Niveau von Brasilien und Rumänien!" empört sich Pammolli. Das Ventil funktioniere nur kurzfristig, bringe aber langfristig nichts.

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