Konjunktur
Schweizer Wirtschaft schrumpft

Die Schweizer Wirtschaft leidet zunehmend unter den Folgen des starken Franken und der schwachen Konjunktur in der Eurozone. Die Nationalbank will deshalb trotz hoher Kosten an der Kursuntergrenze festhalten.
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ZürichDie Euro-Krise und der in ihrem Sog starke Franken haben die Schweizer Wirtschaft im zweiten Quartal zurückgeworfen. Nachdem das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den beiden vorangegangenen Quartalen der lahmenden europäischen Wirtschaft getrotzt hatte, schrumpfte es von April bis Juni gegenüber dem ersten Vierteljahr überraschend um 0,1 Prozent.

Rückläufig waren insbesondere die Dienstleistungs- und Warenexporte sowie die Ausrüstungsinvestitionen, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Dienstag mitteilte. Wachstumsimpulse kamen dagegen vom privaten und staatlichen Konsum. Im Vergleich zum Vorjahr wuchs das BIP um 0,5 Prozent.

"Die Schweizer Wirtschaft konnte den schwierigen Rahmenbedingungen inmitten der Eurozone lange erfolgreich trotzen", erklärte Bernd Hartmann, Leiter Investment Research bei der VP Bank. "Die leichte Kontraktion im zweiten Quartal macht jedoch deutlich, dass sich die Schweizer Wirtschaft nicht komplett abkoppeln kann. Zu groß sind die Verflechtungen innerhalb Europas." Die Wirtschaft der Euro-Zone schrumpfte im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal trotz des robusten Wachstums der Konjunkturlok Deutschland um 0,2 Prozent.

Volkswirte hatten in der Schweiz im Schnitt gegenüber dem Vorquartal einen BIP-Anstieg von 0,2 Prozent erwartet und mit 1,6 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr gerechnet. Warnsignale kamen zuletzt bereits vom Einkaufsmagerindex (PMI), der mit Ausnahme eines Ausreißers im März seit einem Jahr unter der Wachstumsschwelle verharrt und damit signalisiert, dass die Schweizer Industrie nicht auf Touren kommt.

Auch im ersten Quartal und im Schlussquartal des Vorjahres entwickelte sich die Schweizer Wirtschaftsleistung mit Wachstumsraten von 0,5 beziehungsweise 0,4 Prozent von Quartal zu Quartal weniger robust als ursprünglich geschätzt. Im dritten Quartal 2011 sank der Wert der Waren und Dienstleistungen den vom Seco revidierten Zahlen zufolge sogar um 0,2 Prozent.

Dass sich die Schweiz bislang vergleichsweise gut hielt, ist auch der Euro-Kursuntergrenze von 1,20 Franken geschuldet. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) sieht in einer weiteren Aufwertung des Frankens wegen der damit verbundenen Deflationsgefahr eine bedeutende Bedrohung für die Wirtschaft des Landes. SNB-Präsident Thomas Jordan hatte daher erst am Vortag erneut bekräftigt, dass die Notenbank den vor fast genau einem Jahr eingeführten Mindestkurs mit aller Entschiedenheit durchsetzen werde. Die SNB veröffentlicht am kommenden Donnerstag ihre vierteljährliche geldpolitische Lagebeurteilung.

"Die SNB hat keine andere Option als an ihrer Politik festzuhalten, ganz gleich wie teuer das kommt", sagte Janwillem Acket, Chefökonom der Bank Julius Bär. "Es wäre noch teurer, nichts zu tun." Die Verteidigung der Kursuntergrenze hat die Schweizer Währungshüter zu Euro-Käufen in Milliardenhöhe gezwungen und die Euro-Bestände der SNB stark aufgebläht. Mehr als die Hälfte der Devisenreserven - gut 406 Milliarden Franken per Juli - entfallen inzwischen auf die Gemeinschaftswährung.


dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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