Konjunktur
Top-Ökonomen dämpfen Konjunkturoptimismus

Mitten in der Debatte um eine wachstumshemmende Kreditklemme für die Wirtschaft mehren sich die Anzeichen für ein Ende der konjunkturellen Talfahrt. War das die Flaute? Spitzenökonomen warnen bereits vor verfrühter Freude. Denn das dicke Ende kommt noch. Vor allem der instabile Arbeitsmarkt birgt ein hohes Rückschlagspotenzial für die Erholung.

DÜSSELDORF. Dass die Hoffnung auf einen baldigen Aufschwung derzeit schon fast in den Himmel wächst ist nicht verwunderlich angesichts der jüngsten Zahlen. Zu den schnöden Stimmungsindikatoren, die bislang für eitel Sonnenschein sorgten, gesellen sich nun harte Fakten aus der Realwirtschaft, die auf die ersehnte Wende hindeuten:

Nachdem die Auftragseingänge in der Industrie bereits zum dritten Mal deutlich zulegen konnten, verbuchte nun auch das produzierende Gewerbe ein deutliches Plus von 3,7 Prozent. Es ist das zweitstärkste seit der Wiedervereinigung. Auch die Chemische Industrie sieht sich nach dem dramatischen Einbruch zu Beginn des Jahres an einem konjunkturellen Wendepunkt angelangt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) meint gar, dass sich die Weltwirtschaft schneller erholen könnte, als noch zu Beginn des Jahres erwartet. War das nun die Flaute oder doch nicht mehr als nur ein zarter Hoffnungs-Schimmer?

Ökonomen mahnen schon, aus den Zahlen nicht die falschen Schlüsse zu ziehen. Zwar deuteten eine Reihe von Indikatoren darauf hin, dass die konjunkturelle Abwärtsdynamik allmählich zum Stillstand komme und wir in eine Bodenbildung einschwenken, sagte der Vorsitzende im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Wolfgang Franz, am Donnerstag im Gespräch mit Handelsblatt.com. „Von einer Erholung zu sprechen, wäre aber reichlich verfrüht“, so Franz. „Konjunkturell gesehen haben wir das Schlimmste vermutlich hinter uns, aber auf dem Arbeitsmarkt noch vor uns."

Ähnlich äußerten sich der Chefvolkswirt für Deutschland der US-Großbank Goldman Sachs, Dirk Schumacher, und der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater. Angesichts der letzten Daten könne man zwar „mit einiger Zuversicht sagen, dass sich die Lage verbessert“, sagte Schumacher bei Handelsblatt.com. Ein Rückschlag sei aber nicht auszuschließen Auch wenn derzeit viel für einen „graduellen Anstieg der Produktion in den kommen Monaten“ spreche, liege noch eine lange Durststrecke vor uns: „Wir sind natürlich noch sehr weit vom Niveau Anfang des letzten Jahres entfernt und werden es auch wohl so schnell nicht wieder erreichen“, sagte Schumacher.

Auch nach Einschätzung des Dekabank-Chefökonoms Kater stehen die Zeichen bis in den Herbst hinein auf „eine recht deutliche“ wirtschaftliche Erholung. „Aber der Erholungsprozess weist noch Sollbruchstellen auf“, warnte er im Gespräch mit Handelsblatt.com. „Sollte der Arbeitsmarkt in Deutschland in der Zukunft nicht mehr ganz so stabil sein wie bisher, besteht ein Rückschlagspotenzial für die Erholung durch eine sinkende Konsumnachfrage“, sagte Kater. Insbesondere die erste Jahreshälfte 2010 werde „nicht unbedingt ein Selbstläufer“ für die Wirtschaftsentwicklung. „Aber danach holt uns zunehmend auch eine wieder anspringende Weltkonjunktur aus dem Konjunkturloch heraus“, ist sich Kater sicher.

Demgegenüber zeigte sich der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, generell optimistisch über den weiteren Konjunkturverlauf. Zwar weise der Trend der Industrieproduktion trotz des kräftigen Plus im Mai noch nach unten, sagte Krämer bei Handelsblatt.com. „Aber die seit Monaten steigenden Stimmungsindikatoren und die zuletzt angezogenen Auftragseingänge sprechen dafür, dass sich die Produktion in den kommenden Monaten weiter erholen sollte.“ Krämers Fazit: „Das Ende der Rezession naht.“ Schließlich sei der durch die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers ausgelöste „Unsicherheitsschock“ abgeklungen. „Das Bruttoinlandsprodukt sollte im dritten Quartal zum ersten Mal seit langem wieder etwas zulegen", erwartet Krämer.

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