Konjunktur
US-Notenbanker zögern Zinswende hinaus

Trotz Anzeichen auf eine Konjunkturerholung will die US-Notenbank (Fed) ihren Leitzins auf absehbare Zeit nicht anheben. Offenbar gibt es noch eine beträchtliche Unsicherheit hinsichtlich der Wachstumsaussichten für 2010. Fed-Chef Ben Bernanke bekräftigte aber dennoch seine Entschlossenheit, einer drohenden Inflation mit einer strafferen Geldpolitik zu begegnen.
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HB WASHINGTON. Der historisch niedrige Zinssatz von 0 bis 0,25 Prozent werde vermutlich für eine „anhaltende Periode“ beibehalten, heißt es in einem am Donnerstag veröffentlichten Redetext von Fed-Chef Ben Bernanke. Anfang der Woche hatte die australische Notenbank überraschend ihren Leitzins angehoben, als erste unter den 20 wichtigsten Industriestaaten.

Bernanke machte deutlich, dass die USA dem Schritt nicht folgen werden. Er bekräftigte aber seine Entschlossenheit, einer drohenden Inflation mit einer strafferen Geldpolitik zu begegnen. Zwar müsse noch für längere Zeit eine lockere Geldpolitik verfolgt werden, sagte Bernanke. Wenn sich aber die Wirtschaftsaussichten „ausreichend verbessert haben, werden wir darauf vorbereitet sein, die Zügel der Geldpolitik wieder anzuziehen“, sagte er. Die Federal Reserve habe die Instrumente und Möglichkeiten, dem Finanzsystem wieder Liquidität zu entziehen und die Zinsen zur richtigen Zeit zu erhöhen.

Im Kampf gegen die Wirtschaftskrise hat die US-Notenbank nicht nur die Zinsen auf ein rekordniedriges Niveau gesenkt, sie hat auch ihre Bilanz durch zahlreiche Programme zur Stützung des Finanzsystems auf über zwei Billionen Dollar aufgebläht. Kritiker befürchten, dass die gewaltigen Liquiditätsspritzen zu einem Inflationsschub führen könnten, wenn die Wirtschaft wieder anzieht.

Gleichwohl scheint ein erneutes Abgleiten der US-Wirtschaft in eine Rezession nach einer kurzen Zwischenerholung unwahrscheinlicher geworden. „Dieses Risiko hat seit mehreren Monaten ganz erheblich abgenommen“, sagte der Präsident der Federal Reserve von Richmond, Jeffrey Lacker. Allerdings läge es noch nicht bei Null. Der Interbanken-Kreditmarkt befände sich mittlerweile wieder in einer einigermaßen gesunden Verfassung, sagte Lacker weiter. Mit einer fortschreitenden Erholung sei es für die Finanzmärkte förderlicher, wenn die Fed anstrebe, ihre umfangreichen Aufkäufe von Wertpapieren zurückzufahren.

Nach den Worten von Fed-Ratsmitglied Daniel Tarullo wächst die US-Wirtschaft zwar wieder. Es gebe jedoch eine beträchtliche Unsicherheit hinsichtlich der Wachstumsaussichten für 2010, sagte Tarullo. Die Situation am Arbeitsmarkt sei düster und die Inflation werde wohl für einige Zeit gedämpft bleiben. Daher halte das geldpolitische Komitee der Fed die außerordentlich niedrigen Zinssätze über eine längere Zeit hinweg voraussichtlich für berechtigt.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) hält die Zinsen auf absehbare Zeit niedrig. Zwar erhole sich die Wirtschaft von der schwersten Krise seit Jahrzehnten zusehends, aber „es ist noch nicht die Zeit, den Sieg zu erklären“, sagte Notenbankpräsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag in Venedig. Wann die EZB ihren geldpolitischen Kurs wechseln könnte, ließ Trichet nach einer Sitzung des EZB-Rats offen. Die Währungshüter beließen den Leitzins wie erwartet bei rekordniedrigen 1,0 Prozent. Auch Trichet erklärte, er werde zu gegebener Zeit wieder an der Zinsschraube drehen, um zu verhindern, dass die Krisenpolitik des billigen Geldes zu einem Anstieg der Teuerung führt.

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