Konjunktur
US-Preise fallen erstmals seit 1955

Die scharfe Rezession hat die US-Verbraucherpreise erstmals seit fast 54 Jahren sinken lassen. Damit wächst die Sorge vor einer Deflation, also einem Preisverfall auf breiter Front. Doch es gibt auch einen kleinen Hoffnungsschimmer für die Konjunktur: Der Abschwung der Industrietätigkeit im Bundesstaat New York hat sich im April überraschend stark abgebremst.

dne/HB WASHINGTON. Sie fielen um 0,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das Arbeitsministerium am Mittwoch in Washington mitteilte. Das war der erste Rückgang seit August 1955. Vor allem Energie und Lebensmittel verbilligten sich.

„Die Daten stehen für eine Volkswirtschaft, die sich in einer tiefen Rezession befindet“, sagte Analyst Peter Kenny von Equity Markets. Ohne Energie- und Lebensmittelpreise wären die Lebenshaltungskosten allerdings um 1,8 Prozent gestiegen. Diese sogenannte Kernrate wird Experten zufolge in den kommenden Monaten sinken. Angesichts von Überkapazitäten in der Wirtschaft und steigender Arbeitslosigkeit dürften sich viele Waren und Dienstleistungen verbilligen, sagte ING-Analyst James Knightley.

Damit wächst die Sorge vor einer Deflation, also einem Preisverfall auf breiter Front. Sie ist für die Wirtschaft besonders gefährlich, weil Verbraucher dann auf immer weiter fallende Preise spekulieren und sich mit Ausgaben zurückhalten. Die US-Notenbank Fed und die Regierung in Washington pumpen enorme Summen in die Wirtschaft, um eine Deflation zu vermeiden.

Führende Ökonomen in Deutschland rechnen allerdings nicht mit einem Preisverfall auf breiter Front. „Für diese Zahlen gilt: nicht bange machen lassen“, sagte der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, am Mittwoch im Gespräch mit Handelsblatt.com. Zwar weise das Preisniveau in den USA erstmals seit 1955 eine negative Rate aus, aber das sei „lange absehbar“ gewesen. „Es sind nämlich die Energiepreise im Inflationsindex, die das Abtauchen unter Null verursacht haben, insbesondere die Auswirkungen des stark gefallenen Rohölpreises.“

Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, hält es angesichts der gefallenen Ölpreise zwar für möglich, dass die Jahresinflationsrate bis zur Jahresmitte auf minus zwei Prozent fällt. Die stark steigende Arbeitslosigkeit werde zudem den Lohnauftrieb drücken, wodurch die Kerninflation weiter fallen und sich der Nulllinie nähern werde, sagte Krämer Handelsblatt.com. Dennoch hält er Deflationsängste für unbegründet. Denn: "Die Fed flutet die US-Wirtschaft mit Liquidität, das wird verhindern, dass die Verbraucherpreise dauerhaft sinken."

Der Chefvolkswirt für Deutschland der US-Großbank Goldman Sachs, Dirk Schumacher, sprach bei Handelsblatt.com von einem „Disinflationsprozess“, der sich fortsetze. Das Sinken der Inflationrate nennt man Disinflation. Die Disinflation darf nicht mit einem Absinken des allgemeinen Preisniveaus verwechselt werden, das Deflation genannt wird. Steuererhöhungen bei Tabak-Erzeugnissen hätten die Kernrate nach oben gedrückt, erläuterte der Ökonom und fügte hinzu: „Ohne diese zeigt der Trend weiter nach unten.“

Deka-Chefvolkswirt Kater sieht trotz der schlechten US-Daten einen Hoffnungsschimmer. „Nach unseren Berechnungen sorgen Basiseffekte dafür, dass die Inflationsrate im Herbst wieder positiv wird“, sagte er. „Das setzt jedoch voraus, dass sich die Konjunktur in den USA ab jetzt wieder langsam fängt, wie es einige Frühindikatoren andeuten.“ Geschehe dies nicht, dann bestehe wirklich die Gefahr einer Deflation. „Das werden wir dann aber erst im nächsten Jahr wirklich feststellen können.“

Unterdessen gibt es einen weiteren kleinen Hoffnungsschimmer für die Konjunktur. Der Abschwung der Industrietätigkeit im Bundesstaat New York hat sich im April überraschend stark abgebremst. Der Index für das Verarbeitende Gewerbe stieg auf minus 14,65 Punkte von minus 38,23 Zählern im März, wie die New Yorker Federal Reserve mitteilte. Damit erreichte das Barometer den höchsten Stand seit September 2008. Es gilt als Frühindikator für die gesamte US-Industrie.

Diese hatte ihre Produktion im März stärker gedrosselt als erwartet. Im Verarbeitenden Gewerbe sank der Ausstoß um 1,5 Prozent im Vergleich zum Vormonat und damit zum sechsten Mal in Folge. Analysten hatten im Schnitt mit einem Minus von lediglich 1,0 Prozent gerechnet. Verglichen mit dem Vorjahr schrumpfte die Produktion um knapp 13 Prozent. Die Kapazitätsauslastung war mit 69,3 Prozent so niedrig wie noch nie seit Beginn der Datenerhebung 1967.

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