Konjunktur
Wirtschaftsweiser widerspricht Steinbrück

Mit milliardenschweren, schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen stemmen sich die Regierungen gegen den konjunkturellen Abwärtstrend. Und auch die Notenbanken pumpen viel Geld in die Wirtschaft. Bundesfinanzminister Steinbrück warnt schon vor einer weltweiten Inflation. DIW-Präsident Zimmermann hält das Szenario für sehr wahrscheinlich, der Wirtschaftsweise Bofinger sieht dagegen eine ganz andere Gefahr heraufziehen.

DÜSSELDORF/BERLIN. "Für Deutschland besteht auf absehbare Zeit kein Inflationsrisiko, sondern in erster Linie ein ausgeprägtes Deflationsrisiko", sagte das Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage, Peter Bofinger, am Sonntag im Gespräch mit Handelsblatt.com. Durch die schlechte Absatzlage der Unternehmen und die steigende Arbeitslosigkeit werde es "auf breiter Front zu Lohnzugeständnissen der Arbeitnehmer kommen", die sich, wie das Beispiel Japans in den letzten 13 Jahren zeige, "dämpfend" auf die Preisentwicklung auswirkten, begründete er seine Einschätzung. Außerdem ist Bofinger davon überzeugt, dass die Europäische Zentralbank (EZB) keine Inflationsprozesse in der Euro-Zone zulassen werde. "Die von ihr derzeit den Banken zusätzlich zur Verfügung gestellte Liquidität kann sie innerhalb eines Monats wieder vollständig aus dem Kreislauf zurückziehen", erläuterte der Ökonom.

Bofinger widersprach damit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Der SPD-Politiker hatte in der "Bild"-Zeitung vom Samstag vor einer weltweiten Inflation als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise gewarnt. Er habe die Sorge, "dass wir weltweit mit den enormen schuldenfinanzierten Gegenmaßnahmen die nächste Krise auf den Weg bringen", sagte Steinbrück. "Es wird so viel Geld in den Markt gepumpt, dass die Gefahr einer Überlastung der Kapitalmärkte und einer weltweiten Inflation im Wiederaufschwung drohen könnte."

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann, geht noch weiter als Steinbrück. Für ihn ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass es zu einer weltweiten Inflation kommt. Allerdings gibt Zimmermann den Staaten und also auch der Bundesregierung für diese Entwicklung eine Mitverantwortung. Dem Staat sei es trotz aller Interventionen nicht gelungen, die Krise im Finanzsektor zu stoppen, sagte Zimmermann am Sonntag im Gespräch mit Handelsblatt.com. "So hatte die Wirtschaftskrise zunächst die Zentralbanken dazu gezwungen das Finanzsystem mit Liquidität zu fluten, ohne dass es dadurch funktionsfähig wurde", erklärte der Ökonom. Nötige Strukturreformen im Finanzsektor ließen zudem weiter auf sich warten. "Die neuen Finanzmarktregeln kommen zu spät, und die vergifteten Wertpapiere wurden immer noch nicht durch Bad Banks aus dem normalen Bankgeschäft gezogen", klagte Zimmermann und fügte hinzu: "Dies ist Staatsversagen auf hohem Niveau und nicht nur ein Problem der Notenbanken."

Nach Zimmermanns Einschätzung kommt es "mit großer Wahrscheinlichkeit" zu einer Inflation, die Frage sei nur wann und wie stark. Die Situation sei derzeit jedenfalls aus verschiedenen Gründen "brandgefährlich". So komme es zur Inflation, wenn auf den Gütermärkten zu wenig Güter auf zu viel Nachfrage stießen, die durch viel Geld angeregt werde. "Zur Explosion kommt es also dann, wenn die enorme derzeitige und sich abzeichnende Geldschöpfung nachfragewirksam wird", warnte der DIW-Chef.

Seite 1:

Wirtschaftsweiser widerspricht Steinbrück

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%