Konjunkturausblick
Buy American? Ja, bitte!

Alle Welt regt sich über die „Buy-American“-Klausel im US-Konjunkturpaket auf. Der Grundgedanke dieser ursprünglich protektionistischen Idee ist jedoch gar nicht so schlecht. Wenn man ihn vom Kopf auf die Füße stellt, könnte er sogar dazu beitragen, die aus den Fugen geratene Weltwirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

ZÜRICH. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich der Aufruf zum Kauf amerikanischer Produkte nicht, wie von den Freihandelsgegnern gedacht, an Firmen und Verbraucher in den USA richtet, sondern an die Handelspartner der Vereinigten Staaten.

Was zunächst verblüffend erscheint, erhält seinen tieferen Sinn durch den Blick in die Handelsbilanz Amerikas. Dort zeigt sich nämlich seit Jahren eine globale Schieflage, die wesentlich zur aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise beigetragen hat. Während Länder wie China und Deutschland hohe Exportüberschüsse erwirtschaftet haben, ist Amerika immer tiefer in die roten Zahlen gerutscht. Die weltweite Rezession hat diesen Trend zunächst gestoppt. Seit einigen Monaten verringert sich das Handelsdefizit, weil der kreditfinanzierte Nachfrageboom in den USA zusammengebrochen ist. Wenn das Wirtschaftsministerium am Mittwoch die Zahlen für Dezember 2008 vorlegt, erwarten Ökonomen nur noch einen Importüberschuss von 36 Mrd. Dollar. Ein Jahr zuvor war das Defizit noch doppelt so groß.

Hat die Krise also einen heilenden Effekt auf jene globalen Ungleichgewichte, über die Ökonomen seit Jahren lamentieren? Das ist die Schicksalsfrage der nächsten zwölf Monate. Zur Erinnerung: Ökonomisch gesehen, konnte die weltweite Finanzkrise nur entstehen, weil Überschussländer wie China nicht nur ihre Waren nach Amerika exportierten, sondern auch das dadurch eingenommene Kapital. Erst die Flut von Ersparnissen vor allem aus Schwellenländern hat die Risikoprämien auf den Kapital- und Kreditmärkten so weit gedrückt, dass in den USA eine Immobilien- und Konsumblase entstehen konnte. Davon hat auch der Exportweltmeister Deutschland kräftig profitiert.

Vor unseren Augen vollzieht sich im Moment eine brutale Anpassung der internationalen Handelsströme. Der amerikanische Verbraucher als wichtigster Konjunkturmotor der Welt hat seinen Dienst aufgegeben, in den Exportländern brechen deshalb die Aufträge zweistellig ein. Die Weltwirtschaft wächst nicht aus der Krise, sie schrumpft sich in ein neues Gleichgewicht. Die wirtschaftlichen Folgen dieser Korrektur sind Firmenzusammenbrüche und Massenarbeitslosigkeit.

Weil das politisch nicht tolerabel ist, stemmen sich jetzt viele Länder mit massiven Konjunkturhilfen gegen den Negativtrend. Der Staat springt ein, um den Nachfrageausfall des privaten Sektors auszugleichen. Und wieder sind es vor allem die USA, die sich mit einem 827 Mrd. Dollar schweren Konjunkturpaket anschicken, die Weltwirtschaft aus dem Dreck zu ziehen.

Dieser Weg führt jedoch aus zwei Gründen ins Verderben. Amerika bezahlt seinen wirtschaftlichen Kraftakt mit einem Hauhaltsdefizit von zehn Prozent. Oben drauf kommen noch die Rettungskosten für die Banken. Die private Kreditblase wird durch eine staatliche ersetzt. Das kann selbst die größte Volkswirtschaft der Erde weder finanziell noch politisch auf Dauer durchhalten.

Entweder werden die ausländischen Gläubiger ihren Appetit auf US-Staatsanleihen verlieren und die staatliche Schuldenblase platzt – oder aber Amerika wird zu einer protektionistischen Festung. Die berüchtigte „Buy-American“-Klausel in PräsidentBarack Obamas Konjunkturpaket ist ein erstes Warnsignal.

Einen Ausweg aus der Krise gibt es nur, wenn die Überschussländer ihren gefährlichen Merkantilismus aufgeben und ihre Binnennachfrage auf Trab bringen. Das gilt vor allem für China, aber auch für Deutschland. Aus eigenem Interesse können wir nicht ewig die Trittbrettfahrer Amerikas sein. Soll der nächste Aufschwung nicht wieder von einer Blase getragen werden, müssen die Lasten der Weltwirtschaft neu verteilt werden. Damit die Schwellenländer einen größeren Beitrag leisten können, müssen sie sozial und finanziell stabiler werden. Nur dann werden sie aufhören, riesige Güter- und Kapitalüberschüsse anzuhäufen und zu exportieren. Und nur dann sind sie willens, dem Aufruf „Buy American“ zu folgen und so die Weltwirtschaft wieder in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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