Konjunkturausblick
Die Gelddruckmaschinen laufen an

Pessimisten haben es leicht in diesen Zeiten. Die Finanzkrise sorgt dafür, dass selbst düsterste Prognosen schneller in Erfüllung gehen als man "ökonomische Apokalypse" sagen kann. In Großbritannien zählt der Notenbanker David Blanchflower zu den größten Schwarzsehern.

LONDON. Schon als die Wirtschaftswelt auf der Insel noch in Ordnung schien, klagte er, dass seine Kollegen im geldpolitischen Rat der Bank of England auf Inflationsgefahren fixiert seien und die heraufziehende Konjunkturkatastrophe nicht erkennen würden.

Die Geschichte hat Blanchflower recht gegeben, und der Pessimist bleibt sich treu. Blanchflower glaubt, dass sich die Wirtschaftskrise im ersten Quartal noch einmal erheblich verschärfen wird. Keine angenehme Aussicht: Denn bereits im vierten Quartal 2008 ist die britische Wirtschaft um 1,9 Prozent eingebrochen, der schärfste Rückgang seit Anfang der 90er Jahre, als die Insel zum letzten Mal in eine tiefe Rezession rutschte.

Inzwischen predigt Blanchflower allerdings zu den Bekehrten. Seit vergangenem Herbst hat die Bank of England die Leitzinsen im Rekordtempo von 5,5 Prozent auf nur noch ein Prozent nach unten geschraubt - der tiefste Stand seit mehr als 300 Jahren. Inzwischen gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass dem Land die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg droht, und selbst Notenbank-Gouverneur Mervyn King will eine lähmende Deflation nicht mehr ausschließen.

Wenn sich die britischen Währungshüter am kommenden Donnerstag treffen, wird es mit den Leitzinsen weiter abwärts gehen, wahrscheinlich um einen halben Prozentpunkt. Doch je näher sich der Leitsatz der absoluten Grenze von Null Prozent nähert, desto weniger nützt die klassische Geldpolitik im Kampf gegen die Rezession.

Als letzte Waffe haben die Notenbanken dann noch das so genannte "Quantitative Easing" in ihrem Arsenal. Im Prinzip geht es dabei um nichts anderes als das Anwerfen der Notenpresse. Die Zentralbanken pumpen durch den Kauf von Staatsanleihen frisches Geld in die Volkswirtschaft. Eine extreme Politik, die die US-Notenbank im Prinzip schon jetzt verfolgt, die die Europäische Zentralbank aber so lange wie möglich verhindern will.

Blanchflower und seine Kollegen scheinen sich dagegen einig zu sein, dass für Großbritannien jetzt die Zeit des "Quantitative Easing" gekommen ist. Für die Bank of England ist das eine Expedition in unerforschtes Gebiet. Als einziges Land hat bisher Japan längere Erfahrungen mit der Ausweitung der Geldmenge gemacht. Die Zentralbank des Landes begann im Jahr 2000 damit, in großem Umfang Geldmarktpapiere, Unternehmensschuldverschreibungen und Staatsanleihen aufzukaufen. Ab 2002 erlebte Japan dann erstmals seit langem wieder eine kontinuierliche Wachstumsphase. Dennoch ist umstritten, ob das "Quantitative Easing" ein Erfolg war. Die Befürworter sind sich sicher, dass Japan viel zu spät mit dem Gelddrucken begonnen hat, und den Ausbruch aus der Deflationsspirale früher hätte schaffen können.

Die Kritiker glauben dagegen, dass die Maßnahmen verpufft sind. Tatsächlich ging die Kreditvergabe der japanischen Banken zunächst trotz der Ausweitung der Geldmenge weiter zurück. Die Institute parkten das zusätzlich zur Verfügung gestellte Geld lieber bei der Zentralbank statt es zu verleihen. Die ökonomischen Lehrbücher definieren eine solche Situation als Liquiditätsfalle, Firmen und Haushalte bekommen trotz steigender Geldmenge kaum noch Kredite, weil die Banken in der Krise die verbilligte Refinanzierung zur Sanierung ihrer Bilanz nutzen - wie in der Depression der 30er-Jahre.

Angesichts der desolaten Lage des britischen Bankensektors besteht durchaus die Gefahr, dass Großbritannien in die Liquiditätsfalle tappt. Trotz hunderter von Milliarden Pfund an Staatshilfen und zweier Rettungspakete ist es der Labour-Regierung bislang nicht gelungen die Kreditklemme zu lösen.

Aber trotz der drohenden Falle bleibt der Bank of England kaum eine Wahl. Die einzige Alternative zum "Quantitative Easing" wären neue umfangreiche Konjunkturprogramme des Staates, und die kann sich Premierminister Gordon Brown kaum leisten. Durch die Finanzkrise ist die ohnehin hohe Staatsschuld weiter in die Höhe geschossen. Die Neuverschuldung ist fast drei mal so hoch wie vor einem Jahr. Außerdem muss die britische Regierung die Verbindlichkeiten der de facto verstaatlichten Banken Royal Bank of Scotland und Lloyds auf die eigenen Bücher nehmen, und dadurch könnte die Staatsschuld auf bis zu 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen.

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