Konjunkturausblick
Ein historischer Einbruch – wirklich?

Dass die Zahl der Volkswirte, die Deutschland ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um mindestens drei Prozent im laufenden Jahr vorhersagen, von Tag zu Tag steigt, verwundert angesichts der Umstände kaum noch. Die Wirtschaft erlebt einen frostigen Winter. Doch jede Eiszeit geht auch einmal zu Ende.

DÜSSELDORF. „Nach ersten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes ist das Bruttosozialprodukt im letzten Jahr real um 3,6 Prozent zurückgegangen. Der Rückgang beruhte in erster Linie auf den starken Einbußen beim Außenbeitrag und einer weitere Einschränkung der Investitionen.“ Es war der 15. Januar 1976, als das Handelsblatt diese Hiobsbotschaften aus der deutschen Wirtschaft verkündete.

Glaubt man den gängigen Konjunkturprognosen, dann werden sich solche Schlagzeilen wiederholen, wenn die Statistiker in einem Jahr amtliche Daten für 2009 präsentieren. Die Zahl der Volkswirte, die Deutschland ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um mindestens drei Prozent im laufenden Jahr vorhersagen, steigt von Tag zu Tag.

Am Freitag verkündete das Statistische Bundesamt, dass die Wirtschaftsleistung im Schlussquartal 2008 um 2,1 Prozent gesunken ist – der stärkste Quartalseinbruch seit 1987. Und da das laufende Vierteljahr ein Minus in ähnlicher Größenordnung verspricht, ist – zumindest statistisch – das Gesamtjahr schon gelaufen.

Denn genauso wie die hohe Schubkraft zur Jahreswende 2007/2008 die Wachstumsrate für 2008 maßgeblich nach oben hievte, wird nun die Krise in diesem Winter die Jahresrate des laufenden Jahres bestimmen. Selbst wenn die Wirtschaftsleistung ab dem Frühjahr wieder langsam steigen würde.

Tatsächlich spricht einiges dafür, dass es im zweiten Quartal eine Erholung geben könnte. Da ist zum einen das Wetter. Nach zwei milden Wintern liegt Deutschland dieses Jahr ungewöhnlich lange unter einer Schnee- und Eisdecke. Die Saisonbereinigung der Statistiker berücksichtigt aber die jüngere Vergangenheit besonders stark. Durch die Bereinigung dürfte das erste Quartal 2009 unter- und das zweite Quartal überzeichnet werden.

Außerdem werden viele Betriebe ihre verlängerten Weihnachtsferien und Produktionsstopps irgendwann beenden, weil die Lager leer sind. So hatte Opel jüngst mitgeteilt, die Kurzarbeit in zwei Werken zurückzufahren. Und wenn die Produktion wieder anläuft, macht sich das beim Bruttoinlandsprodukt bemerkbar.

Und dann gibt es noch das kostspielige Konjunkturpaket der Regierung: Millionen Pendler erhalten in den nächsten Wochen einige Hundert Euro vom Fiskus zurück. Außerdem gibt es für Eltern einmalig einen Hunderter für jedes Kind. Geben die Menschen das Geld bald wieder aus, könnte das dem Konsum einen kleinen Schub versetzen. Gleiches gilt für die Abwrackprämie, die offenbar dafür sorgt, dass viele Bürger einen neuen Kleinwagen kaufen.

Wirklich spannend wird daher das dritte Quartal. Gibt es einen neuen Rückschlag, oder sind die Erholungskräfte bis dahin stark genug? Es mehren sich die Anzeichen, die auf eine Stabilisierung hindeuten könnten, falls die Finanzkrise nicht noch ganz böse Überraschungen bringt. So stieg der Ifo-Index zuletzt leicht an. Der Handelsblatt-Business-Monitor zeigt, dass die Zuversicht unter Deutschlands Top-Managern nicht weiter sinkt. Hinzu kommen weitere Steuer- und Abgabenentlastungen, und die Bezüge der 18 Millionen Rentner werden im Sommer um gut zwei Prozent steigen.

Gut möglich, dass bis dahin auch die ein oder andere öffentliche Investition aus dem Konjunkturpaket auf den Weg gebracht ist. Zudem dürften die massiven Zinssenkungen der EZB allmählich wirken.

Vielleicht werden schon morgen der ZEW-Index und am Freitag der Einkaufsmanager-Index weitere Hoffnungssignale aussenden. „Untere Wendepunkte setzen immer unvermittelt ein – was wir derzeit beobachten, könnte einer sein“, meint Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Wenn alles gutgeht und sich vor allem die großen Schwellenländer rasch wieder erholen, könnte die Rezession in Deutschland also im Verlauf des Frühjahrs überstanden sein. Vielleicht blüht dann den aktuellen miserablen Wirtschaftsdaten ein ähnliches Schicksal wie denen aus den 70er-Jahren: Im Laufe der Jahrzehnte korrigierten die amtlichen Statistiker das reale Wirtschaftswachstum im Horror-Jahr 1975 von minus 3,6 auf nur noch minus 0,9 Prozent.

Zwar ist ein Teil dieser kräftigen Revision auf Korrekturen bei der Preisbereinigung zurückzuführen. Dass aber kräftige Revisionen vor allem in Extremjahren auch heute noch gut möglich sind, zeigt zum Beispiel das Boom-Jahr 2006: Anfangs schätzten die Wiesbadener Statistiker das Wachstum auf 2,5 Prozent. Heute steht es dagegen schon mit drei Prozent in den Büchern – und die nächste BIP-Revision kommt bestimmt.

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