Konjunkturausblick
Geiz wird nun auch in Japan geil

In Japan fällt die nächste Bastion dieser einst so stolzen Volkswirtschaft: Die Krise befällt den Einzelhandel. Die Geschäftsklimaumfrage "Tankan" der japanischen Notenbank wird ein deutliches Absacken des entsprechenden Indikators zeigen.

TOKIO. In Japan fällt die nächste Bastion dieser einst so stolzen Volkswirtschaft: Die Krise befällt den Einzelhandel. Die Geschäftsklimaumfrage "Tankan" der japanischen Notenbank wird ein deutliches Absacken des entsprechenden Indikators zeigen. Die Daten kommen zwar offiziell erst am Mittwoch heraus. Doch die konkurrierende Geschäftsklimaumfrage des Wirtschaftsministeriums hat Ende voriger Woche bereits einen Absturz des Gesamtklimas auf den tiefsten Wert seit den 70er-Jahren ergeben.

Erstmals könnte jetzt auch der Einzelhandel unter die Räder geraten - das fürchten zumindest Ökonomen. Die Muster vergangener Krisen passten nicht mehr, lautet ihre Sorge. Denn, anders als früher, sei der Arbeitsmarkt heute wesentlich flexibler. Dies dürfte bald zu einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit führen und damit die Konsumlust deutlich bremsen.

In früheren Krisen hatten sich die Japaner als besonders robuste Konsumenten erwiesen. In den 90er-Jahren und Anfang des Jahrtausend sah das Muster so aus: Westliche Medien beschrieben Japan als verfallenen Giganten, der diesmal aber wirklich am Ende sei - und in Tokio strömten alle Altersgruppen in die Geschäfte und kaufen sich noch viel mehr Hemden und Handtaschen, als sie ohnehin schon hatten. Das gleiche galt für die Elektronikindustrie, die sich auf ihren Heimatmarkt gut verlassen konnten. War etwas neu, griffen die Japaner zu - koste es, was es wolle.

Zugleich sprachen Ökonomen aber auch damals schon von einem schwachen Binnenmarkt. Das lag freilich an der Sichtweise: Denn das Konsumniveau lag Ende 80er-Jahre so hoch, dass es seitdem kaum noch wachsen konnte. Doch hinter der Stagnation verbarg sich eine enorme Leistung. Trotz Platzen der Immobilienblase Ende 1989 sank die Nachfrage im Inland nicht. Und so stimmen beide Thesen: die vom verlässlich hohen Niveau des Verbrauchs und die von seiner enttäuschenden Stagnation.

Doch bei näherem Hinsehen ist klar, dass dieses Muster in diesem Jahr erstmals kippen dürfte. Die Regierung hat in den vergangenen zehn Jahren auf internationale Trends reagiert und seit 2001 den Arbeitsmarkt dereguliert - was die Wirtschaft wiederum goutierte. Tatsächlich können die Betriebe derzeit einen Teil der Mitarbeiter recht einfach feuern.

Das steigerte zwar die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Industrie; doch auf der Kehrseite steht ein Anstieg der Arbeitslosenquote. Und die Gefeuerten erhalten nicht einmal Arbeitslosengeld, weil sie nie in die Versicherung eingezahlt haben. Nun drohen sie als Konsumenten weitgehend auszufallen und werden damit zu einer tickenden Zeitbombe für den Einzelhandel.

Fast noch schwerer als die tatsächlichen Entlassungen wiegen die Fernsehbilder von verwahrlosten Arbeitslosen ohne Unterkunft und Geld für eine Dusche, die in diesen Tagen ständig zu sehen sind. Japans Arbeitnehmer bekommen erstmals richtig Angst. Und wer Angst hat, spart auch richtig. Vor allem westliche Ökonomen prophezeien Japan daher einen nie gekannten Einbruch des Verbrauchervertrauens.

Die Unternehmen selbst können das Abwärtsszenario mindestens ebenso realistisch einschätzen wie manches Wirtschaftsforschungsinstitut - sie planen die Entlassungen schließlich selbst und fahren selber die Investitionen derzeit gegen Null zurück. Es wäre kein Wunder, wenn sie derzeit auf den Tankan-Fragebögen der Bank of Japan (BoJ) ihr Kreuzchen bei "schlechtere Einschätzungen als vor drei Monaten" machen. Die BoJ befragt für ihren Geschäftsklimaindex alle drei Monate gut 10 000 Unternehmen. Der Index berechnet sich aus der Differenz der Optimisten von den Pessimisten, gemessen in Prozent.

Und im vergangenen Vierteljahr ist kaum noch ein Stein auf dem anderen geblieben - auch in Japan nicht. Noch im September interpretierte ein japanischer Experte die schlechteren Tankan-Zahlen als bloßes Anzeichen widriger Umstände, aber keineswegs so schlimm wie in den 90er-Jahren oder Anfang des Jahrtausends. Inzwischen spricht auch Japan von der Jahrhundertkrise. Es schwingt jedoch immer noch die Hoffnung mit, dass alles gar nicht so schlimm kommt wie befürchtet. Im Ausblick auf den Juni-Tankan erwarten die von Reuters befragten Unternehmen daher eine Verbesserung der Einschätzung. Der Maschinenbau soll sich dann beispielsweise auf minus 44 von derzeit minus 78 erholen. Grund wäre die Abwertung der Landeswährung Yen - für Japans Exporteure der wichtigste einzelne Faktor für den Geschäftserfolg. Auch für Dienstleistung und sogar den Einzelhandel soll eine Erholung bevorstehen. Doch Ökonomen sehen diese Angaben skeptisch. Die Arbeitgeber haben bereits klar gemacht, dass es in diesem Jahr keinen Yen mehr Lohn geben wird. Von üppigen Boni ganz zu schweigen. Auch das spricht für die pessimistische Sicht des privaten Konsums.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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