Konjunkturausblick
Moskau bremst Talfahrt ab

Ist der „Boden“ schon in Sicht, hat die russische Wirtschaft nach ihrem tiefen Absturz infolge der Krise eine Landung hingelegt? Sicher ist: Kaum eine Volkswirtschaft wurde so gebeutelt wie die russische. Inzwischen ist der Fall der Wirtschaft aber wohl deutlich gebremst, wie Experten meinen.

MOSKAU. Es war offenbar ein Abgang im Streit: Als Wladimir Sokolin, Leiter der staatlichen russischen Statistikbehörde Rosstat, in der vergangenen Woche seinen Hut nahm, ließ er noch eine kleine Bombe platzen. Die russische Regierung, so der Chefstatistiker, mische sich zunehmend in die Arbeit der Behörde ein und lenke sie in eine für sie „nützliche“ Richtung. Mit ungewöhnlicher Schärfe widersprach er den aktuellen Angaben des Wirtschaftsministeriums, dass die ökonomische Krise überwunden sieht: Sein Institut finde keine Bestätigung dafür, dass man sich nach oben bewege.

In der Moskauer Finanzszene löste die Kritik Sokolins zwar keine Panik aus, doch Wladimir Osakowskij, Chefökonom von Unicredit in Russland, sieht in einer Notiz an seine Kunden gewisse „Zweifel“ an der von offizieller Seite kommunizierten „Erholung“ der Wirtschaft.

Ist der „Boden“ schon in Sicht, hat die russische Wirtschaft nach ihrem tiefen Absturz infolge der Krise eine Landung hingelegt? Sicher ist: Kaum eine Volkswirtschaft wurde so gebeutelt wie die russische. Auch Kremlchef Dmitrij Medwedjew musste einräumen: „Wir sind unter unsere niedrigsten Erwartungen gesunken“. Im zweiten Quartal sackte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr ab – auf das Jahr gerechnet wird Russland wohl auf ein Minus von acht Prozent kommen.

Inzwischen ist der Fall der Wirtschaft aber deutlich gebremst; da sind sich Experten einig. Die staatlich kontrollierte zweitgrößte Bank des Landes, VTB, sieht im September eine zunehmende Aktivität im Privatsektor. Und die Industrieproduktion, seit 14 Monaten im Sinkflug, stabilisierte sich im September erstmals, heißt es in einer Studie von Chefökonomin Aleksandra Ewtifjewa.

Sergej Guriew, Rektor der New Economic School (NES) in Moskau, hält den Optimismus einiger Regierungsmitglieder zwar für verfrüht, doch auch er erkennt gewisse Anzeichen für eine „Landung“: „Industriemanager schauen inzwischen wieder positiver in die Zukunft, der Aktienmarkt hat sich erholt, die Zinsen und die Inflation fallen“, zählt der Volkswirt auf. „Das wichtigste ist aber: Der Ölpreis hat sich wieder erholt“.

Nach dem tiefen Fall von Höhen um 140 Dollar pro Barrel (159 Liter) im vergangenen Jahr liegt der Preis für die russische Sorte Urals nun wieder bei rund 70 Dollar, der russische Staat hat zudem die Steuern für die Ölkonzerne gesenkt, so dass diese so fleißig fördern und exportieren wie noch nie seit dem Zerfall der Sowjetunion. Dies wird die Regierung zwar nicht vor einem Haushaltsdefizit von rund sieben Prozent des BIP im nächsten Jahr bewahren, verschafft aber eine gewisse Linderung. Russland bleibt dennoch ein gewaltiges Manko: Die Krise hat enthüllt, wie sehr die Wirtschaft des Landes fast ausschließlich auf Energie-Exporten basiert.

Anders als China und Indien, in denen Jörg Bongartz, Chef der Deutschen Bank in Russland, im kommenden Jahr die Motoren des globalen Wachstums sieht, wird die russische Wirtschaft keine eigenen Impulse geben können. „Die Entwicklung in Russland ist auf absehbare Zeit wegen der Abhängigkeit vom Rohstoffexport stark von der globalen Wirtschaft abhängig“, erwartet Bongartz.

Das wird selbst nach Ansicht von Präsident Medwedjew wohl noch eine Weile so bleiben: Er rechnet mit 15 Jahren. Die nötig seien, um das Land aus seiner Abhängigkeit zu befreien und die Wirtschaft auf eine breitere Grundlage zu stellen.

Beobachter wie der NES-Rektor Guriew sind mit Blick auf die Erfolgsaussichten skeptisch: „Die Regierung hat zu Beginn der Krise sehr gut reagiert und zum Beispiel eine groß angelegte Verstaatlichung vermieden“. Ob sie aber weitreichende Reformen angehen werde, bezweifelt er. Ein groß angekündigtes Privatisierungsprogramm, das Geld in den Haushalt spülen soll, blieb hinter den Erwartungen zurück. Guriew hält daher die Rückkehr von Wachstumsraten von sechs Prozent wie in den Jahren vor der Krise für unwahrscheinlich. Russland liege in vielen Bereichen noch sehr weit zurück – zum Beispiel bei der Arbeitsproduktivität.

Viel wird in naher Zukunft vom Verhalten der Zentralbank abhängen. Diese hatte lange gewartet, um ihre Geldpolitik umzusteuern: Immer stärker rückt nun die Inflationsbekämpfung in den Blick – in den Jahren vor der Krise war es politischer Konsens, die hohe Geldentwertung in Kauf zu nehmen, um ein möglichst ungebremstes Wachstum zu erzeugen. Jetzt senkt die Zentralbank die Zinsen und versucht gleichzeitig, den Fluch des Ölpreises einzudämmen.

Seit der wieder steigt, klettert auch der Rubel zu Dollar und Euro, droht die wenigen Nicht-Rohstoff-Exporteure zu erwürgen und einheimische Produkte gegenüber der Import-Konkurrenz zu schwächen. Deutsche Bank-Russland-Chef Bongartz erwartet daher, dass die Zentralbank ihre Reserven dafür einsetzen wird, den Aufwertungsdruck auf den Rubel zu bremsen – ähnlich wie zu Beginn der Krise, als die Landeswährung drohte, in den freien Fall überzugehen.

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