Konjunkturausblick
Spaniens Wirtschaft hängt in der Talsohle fest

Spanien hat sich vom Wachstumsmotor zum Schlusslicht der Euro-Zone gewandelt. Das Land, das noch 2007 mit einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 3,6 Prozent beeindruckte, wird wohl auch 2010 nicht wachsen. Weil viele Bürger ihren Job verloren haben, schwächelt der Konsum. Nun hofft Spanien auf Impulse aus dem Ausland.
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MADRID. Die enorme Arbeitslosenquote von bald 20 Prozent lähmt den Konsum, die Immobilienkrise ist noch nicht verdaut.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die EU-Kommission fürchten, dass Spanien als einziges der großen EU-Länder im kommenden Jahr noch nicht aus der Rezession findet. Während der IWF für Spanien einen BIP-Rückgang von 0,7 Prozent nach einem Minus von 3,8 Prozent in 2009 erwartet, rechnet er für die Euro-Zone mit einem Zuwachs um 0,3 Prozent. Die EU-Kommission befürchtet sogar einen BIP-Rückgang von einem Prozent im kommenden Jahr.

„Spaniens Rezession ist weniger tief, aber dauert länger“, sagt der spanische EU-Wirtschaftskommissar Joaquín Almunia. Die Hauptursache dafür ist der schwache Konsum. Der IWF sieht die Binnennachfrage in Spanien im laufenden Jahr mit 6,5 Prozent doppelt so stark schrumpfen wie im Durchschnitt der Euro-Zone. Dabei hat der Staat seine Nachfrage durch ein umfangreiches Konjunkturprogramm um 4,3 Prozent gesteigert.

Der Grund dafür, dass Spanien schwerer aus der Talsohle findet als etwa Deutschland oder Frankreich, ist die Immobilienkrise. Sie ist nach Ansicht des Finanzberaters Acuña & Asociados noch längst nicht überstanden. Der aufgeblähte Bausektor hat in der langen Boomphase ein gigantisches Überangebot an Immobilien aus dem Boden gestampft. Nun ist die Blase geplatzt, die Korrektur wird nach Meinung der Experten noch einige Jahre dauern.

Stellte der Bausektor 2007 noch fast 14 Prozent aller Arbeitsplätze, so wird der Anteil laut Acuña & Asociados 2010 nur noch halb so groß sein. 2,7 Millionen Jobs werden dann auf spanischen Baustellen verloren gegangen sein. Das trägt entscheidend dazu bei, dass die Arbeitslosenquote 2010 die Marke von 20 Prozent überschreiten wird. Davon gehen jedenfalls IWF und EU-Kommission aus.

Die spanische Regierung hat mit einem milliardenschweren Konjunkturpaket dagegengehalten. Das Geld floss vor allem in kleinere, öffentliche Bauprojekte, jetzt läuft das Programm allerdings langsam aus. Der fiskalische Spielraum ist damit weitgehend ausgeschöpft, denn die hohe Arbeitslosigkeit lastet schwer auf dem Staatshaushalt. Die Regierung hat zusätzliche Hilfen für Arbeitslose beschlossen, die regulär nur maximal zwei Jahre Unterstützung erhalten.

Das Etatdefizit wird schon 2009 auf zehn Prozent des BIP geschätzt. Damit es nicht weiter ausufert, hat die Regierung mitten in der Rezession die Steuern erhöht. Höhere Einnahmen aus Mehrwert-, Einkommen- und Kapitalertragsteuern sollen das Defizit 2010 auf 8,1 Prozent begrenzen. Die Spanier hoffen nun auf Rettung von außen. Eine Konjunkturerholung bei den wichtigsten Handelspartnern soll die Impulse liefern, die die Binnenwirtschaft derzeit nicht geben kann. Dass sich der Außenbeitrag denn auch im zweiten Quartal verbessert hat, macht allerdings wenig Hoffnung: Denn das rechnerische Plus rührt daher, dass die Importe wegen der schwachen Binnennachfrage stärker fielen als die Exporte.

Volkswirte sind daher wenig zuversichtlich, dass diese Rechnung aufgeht. Angesichts der nur schleppenden Verbesserung der Arbeitsproduktivität in den vergangenen Jahren sind Ökonomen wie Gilles Moec von der Deutschen Bank skeptisch, ob die Exporte die Binnennachfrage tatsächlich in ausreichendem Maße ersetzen können. „Das gesamte spanische Wachstumsmodell, basierend auf einer schnellen Akkumulierung von Arbeit und Kapital anstatt von Produktivitätswachstum, muss überholt werden“, sagt er. Darum werde Spanien auch nach dem Ende der Rezession mit einem deutlich niedrigeren Trendwachstum auskommen müssen. Die goldenen Jahre sind vorbei.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin

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