Konjunkturausblick
Steiniger Aufstieg aus dem Jammertal

China und die USA führen die konjunkturelle Erholung an. Doch diese könnte sich als Achterbahnfahrt entpuppen. Denn gegen einen schnellen und nachhaltigen Aufstieg spricht, dass wichtige Fragen bislang unbeantwortet sind.

ZÜRICH. Der Aufschwung ist da – oder doch nicht? Zwar sagt der Internationale Währungsfonds (IWF) für das kommende Jahr wieder ein globales Wachstum von 2,5 Prozent voraus. Doch der neue Einbruch des US-Arbeitsmarktes sorgt für weltweiten Katzenjammer. Ob der Wendepunkt wirklich erreicht ist, wird man erst in einigen Monaten wissen. Bereits jetzt ist aber klar, dass der Aufstieg aus dem Jammertal beschwerlich wird.

"China und die asiatischen Schwellenländer haben im Konjunkturzyklus die Nase vorn, während die angelsächsischen Länder etwas langsamer vorankommen und das stark exportabhängige Kontinentaleuropa am stärksten hinterherhinkt", schreibt David Meier, Ökonom bei der Privatbank Julius Bär. Er widerspricht den Prognosen von deutschen Volkswirten, die - gestützt auf einen überraschend starken Anstieg der Industrieproduktion - im dritten Quartal mit einer deutlichen Wende rechnen.

Dass China und die USA zu den Vorreitern im Aufschwung zählen, ist kein Zufall. Haben beide Länder doch mit riesigen Konjunkturprogrammen den abgewürgten Wachstumsmotor wieder gestartet. Während sich in Amerika das Ausgabenprogramm auf 787 Mrd. Dollar beläuft, wollen die Chinesen umgerechnet etwa 585 Mrd. Dollar ausgeben. Die Wirkung ist bereits spürbar.

"Es ist gut, dass die chinesische Regierung die Bürger dazu animiert, weniger zu sparen und mehr Klimaanlagen und Autos zu kaufen", sagt Klaus Kleinfeld, deutscher Chef des amerikanischen Aluminiumproduzenten Alcoa. Solche staatlichen Konsumhilfen werden der Wirtschaft Rückenwind verleihen. Allerdings sollte man vom Reich der Mitte keine Wunderdinge erwarten. Die chinesischen Konsumenten generieren gerade einmal drei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung - viel zu wenig, um die Welt aus der Rezession zu ziehen.

Das hatten bislang meist die US-Verbraucher erledigt. Denen fehlt jedoch Geld und Konsumfreude. Ohne einen Wachstumsmotor wird die Weltwirtschaft kaum an frühere Expansionsraten von fünf Prozent und mehr anknüpfen können. Der Staat wird den globalen Aufschwung aber nicht dauerhaft tragen können, ohne eine neue Schuldenblase zu produzieren. Nouriel Roubini, Ökonom an der New York University, befürchtet deshalb, dass auch das Strohfeuer in Amerika bald wieder erlischt und die Wirtschaft erneut abrutscht. "Der Arbeitsmarktbericht im Juni hat die unangebrachte Euphorie gedämpft und die Märkte auf den harten Boden der Realität zurückgeholt", sagt Roubini.

Die USA hatten im vergangenen Monat 467 000 Jobs und damit seit Beginn der Krise mehr als 6,5 Mio. Jobs verloren. Das ist mehr als doppelt so viel als in den Rezessionen der 70er, 80er und 90er Jahre. Behält Roubini Recht, könnte aus dem normalerweise der Konjunktur hinterher laufenden Arbeitsmarkt ein Vorbote für Schlimmeres werden.

Die Angst vor einer doppelten Rezession sitzt so tief, dass die Finanzmärkte selbst die positive IWF-Prognose skeptisch aufnahmen. Die Börse tritt seitdem auf der Stelle und die Rohstoffpreise sinken. Auch Bär-Ökonom Meier ist vorsichtig: "Der US-Konsum wird wohl verhalten bleiben. Die steigende Arbeitslosigkeit und die fortlaufende Entschuldung der Haushalte sprechen für ein W-förmiges Wachstumsmuster, sobald die Wirkung der Steuerimpulse sowie der tieferen Zinsen, Nahrungsmittel- und Rohstoffpreise verpufft ist." Mit anderen Worten: der Aufschwung wird zur Achterbahnfahrt.

Gegen eine schnelle und nachhaltige Erholung spricht auch, dass wichtige Fragen bislang unbeantwortet sind. Um die schwierige Neuausrichtung der Weltwirtschaft zwischen exportorientierten Nationen wie China und Deutschland und kreditfinanzierten Konsumenten wie den USA haben sich die Regierungen bislang herumgedrückt. Sie hoffen immer noch, dass die alte Wachstumsformel funktioniert und der Export wie nach der Finanzkrise 1997/98 den Weg aus der Krise weist. Doch nicht alle können exportieren, einigen müssen kaufen. Die Chinesen wollen jedoch nicht und die Amerikaner können nicht. Hinzu kommt, dass viele Länder den Freihandel und damit die wirtschaftliche Erholung mit neuen protektionistischen Barrieren behindern. Und schließlich fehlt vielerorts noch die wichtigste Voraussetzung für einen sich selbst tragenden Aufschwung: eine vollständige Gesundung des Finanzsektors.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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