Konjunkturausblick
US-Verbraucher gehen auf Sparkurs

In Frankreich, Italien, Großbritannien und China gebe es Anzeichen, dass der Abschwung gestoppt sei, sagt Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB). Die USA hat Trichet in seiner Aufzählung außen vor gelassen – aus gutem Grund.

NEW YORK. Es ist Frühjahrszeit, und die Weltwirtschaft erfreut sich nach einem bitterkalten Winter an jedem grünen Pflänzchen. Die Finanzmärkte haben sich gefangen, die US-Großbanken mit Mühe ihren Stresstest bestanden. Immer mehr Experten, die am Puls der Weltkonjunktur fühlen, halten das Schlimmste für überstanden.

In der weltgrößten Volkswirtschaft hat sich bisher in erster Linie die Stimmung verbessert, weniger die Lage. Die US-Regierung wecke falsche Hoffnungen, wenn sie Entwarnung etwa für den Bankensektor gebe und zugleich Bilanzierunsgserleichterungen erlaube, warnt deshalb Analystin Meredith Whitney von Oppenheimer Funds. Und nach einer aktuellen Umfrage der Beratungsfirma Grant Thornton gehen 85 Prozent aller Finanzvorstände im Bankensektor davon aus, dass die US-Konjunktur bis Ende 2009 in der Rezession verharrt.

Damit sind die Wall-Street-Akteure skeptischer als die meisten Ökonomen, ein durchaus seltenes Ergebnis. Das „Wall Street Journal“ befragt 52 Volkswirte regelmäßig zum Stand ihrer Prognosen. Im Moment erwarten sie mehrheitlich ein Ende der Rezession bereits in drei Monaten. Sie schätzen, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal noch um 1,4 Prozent schrumpft und anschließend wieder verhalten wächst.

Das kann allerdings nur klappen, wenn den US-Verbrauchern in den nächsten Monaten finanziell nicht die Puste ausgeht. Die erneut rückläufigen Einzelhandelsumsätze im April zeigen, wie sehr die Konsumenten unter Druck stehen. Ihnen nutzt die beste Stimmung nichts, wenn nach historisch hohen Verlusten am Immobilien- und Finanzmarkt jetzt auch noch die Einkommen in Gefahr geraten. Dabei entwickelt sich der Jobmarkt mehr und mehr zum größten Problemfall der Regierung von Barack Obama. Die Arbeitslosenrate, die Anfang 2008 noch unter fünf Prozent lag, könnte nach Ansicht zahlreicher Analysten bis Jahresende die Zehn-Prozent-Marke überschreiten.

Bei einem Verlust von mehr als 500 000 Jobs pro Monat hätten Ökonomen noch vor einem Jahr Weltuntergangsstimmung verbreitet. Im April galt das Minus von 539 000 schon als Lichtblick, weil die dramatischen Zahlen der Vormonate nicht erneut getoppt wurden. Eine baldige Wende auf dem Arbeitsmarkt sehen Experten jedoch nicht. Allein der Kahlschlag bei Autohändlern, den General Motors (GM) und Chrysler gerade bekanntgegeben haben, wird Branchenschätzungen zufolge knapp 190 000 weitere Arbeitsplätze kosten.

Die Rezessionsfolgen zwingen immer mehr Amerikaner auf Sparkurs. 2008 konnten sie zur gleichen Jahreszeit noch die letzten Steuergutschriften der Bush-Regierung verfrühstücken und 100 Mrd. Dollar Stimulus in die Wirtschaft pumpen. 2009 bringen allenfalls die im Vergleich zum Vorjahr gesunkenen Energiepreise etwas Entlastung. Weitere Aktionen zur Bekämpfung der Kreditkrise, aber vor allem die Verbraucher werden darüber entscheiden, wie schnell die USA aus der Rezession finden. Ihre Ausgaben machen inzwischen 72 Prozent des BIP aus, so viel wie nie zuvor. Wenn jetzt auch noch die Verbraucher schwächeln, so fürchten die Analysten des Ökonomen-Blogs RGE Monitor, dann könnte aus den ersten grünen Konjunkturpflänzchen bald „gelbes Unkraut“ werden.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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