Konjunkturdaten
Japans Wirtschaft bremst stark ab

Der längste Aufschwung in der Geschichte des Landes könnte seinem Ende entgegen gehen. Ein Grund: Die sinkende Nachfrage im wichtigsten Exportmarkt USA. Jetzt streiten Ökonomen darüber, ob Japan sogar eine Rezession drohen könnte.

TOKIO. In Japan verdüstert sich die Konjunkturlage rapide. Der führende Wirtschaftsindex der Regierung ist im Dezember zwar gestiegen, deutet mit einem Wert von 40 Punkten aber immer noch auf eine starke Verlangsamung des Wachstums hin. Einige Ökonomen sprechen bereits von einer schrumpfenden Wirtschaft; andere erwarten nur einen kräftigen Rückgang des Wachstums.

Der zusammengefasste Index der wichtigsten Konjunkturindikatoren blieb im Dezember zum fünften Mal in Folge unter der kritischen Marke von 50 Punkten. Erst oberhalb dieser Schwelle ist Wachstum zu erwarten. „Gerade die Indikatoren für die Industrieproduktion tendieren seit Oktober nach unten“, sagt Naoki Murakami von der Forschungsabteilung der US-Investmentbank Goldman Sachs in Tokio. Eine schnelle Erholung sei unwahrscheinlich, zumal der Export in die USA zurückgehe. Der Trend der Industrieproduktion sei jedoch der Schlüsselfaktor für die Beurteilung des Wachstums in Japan: „Wir denken, dass der derzeitige Trend der Industrieproduktion zeigt, dass Japan in eine Phase der Rezession eingetreten ist“, folgert Murakami. Diese Meinung teilt Ökonom Yuji Shimanka von Mitsubishi UFJ Securities, der ebenfalls einen Rückgang der Wirtschaftsleistung erwartet. Das Wirtschaftsforschungsinstitut des Lebensversicherungskonzerns Dai-Ichi hält eine Rezession im ersten Quartal 2008 für möglich.

Optimistischer zeigt sich Akira Maekawa, Konjunkturexperte der Großbank UBS in Tokio: Dass der Leitindikator zum fünften Mal in Folge unter der kritischen Marke liege, deute zwar auf eine weitere Verlangsamung hin, sagt Maekawa. Doch das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) sei stabil. Eine Rezession erwartet er weder für ein Quartal noch für das Gesamtjahr. Trotz der Auswirkungen der Kreditmarktkrise in den USA erwartet die UBS für Japan noch 1,9 Prozent Wirtschaftswachstum in 2007 und 1,2 Prozent in 2008. Hauptgrund für den Rückgang sind Maekawa zufolge sinkende Investitionen der Industrie, die mit schwächeren Exporten nach Nordamerika rechne.

Japan befand sich seit 2002 im Aufschwung – dem längsten in der Geschichte des Landes. Er dauert sogar schon länger als die japanische Wirtschaftswunderkonjunktur nach dem Krieg. Träger des Wachstums war aber nicht die einheimische Nachfrage, sondern der Aufstieg Chinas und anderer benachbarter Schwellenländer. Sie boten riesige Exportmärkte und eine preiswerte Produktionsbasis. Die konkurrenzfähige Produktion wiederum half dabei, auf dem US-Markt zu expandieren.

Deshalb sieht eine Mehrheit der Unternehmer in Japan China nicht als gefährlichen Konkurrenten, sondern als Riesenchance. Und auch diesmal könnte der bevölkerungsreiche Nachbar ein Segen sein: „Die Abhängigkeit vom Export in die USA hat abgenommen“, sagt Maekawa. Eine Rezession in den Vereinigten Staaten würde Japan zwar hart treffen, weil das weltweite Wachstum abnehme. Doch der Effekt werde von der höheren Nachfrage aus China gedämpft.

15 private Wirtschaftsforschungsinstitute gehen davon aus, dass Japans Wirtschaft im Schlussquartal 2007 real um 0,4 Prozent gewachsen ist. Die Unternehmensergebnisse für diesen Zeitraum sprechen die gleiche Sprache: Sowohl Auto- als auch Elektronikhersteller konnten mehrheitlich Umsatz und Gewinn steigern. Gelitten hat die Wachstumsrate des vergangenen Jahres aber durch schärfere Bauaufsichtsgesetze: Allein im Dezember schrumpfte die Baunachfrage um knapp 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Zusammen mit einer schwächelnden Weltwirtschaft könnte die gedämpfte Baunachfrage für Japan gefährlich werden: „Wir werden auf jeden Fall eine Wachstumsdelle im Frühjahr sehen“, sagt Eisuke Sakakibara, Ex-Finanzstaatssekretär und jetzt Professor an der Waseda-Universität. Eine Rezession sei weiterhin durchaus möglich.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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