Konjunkturerholung fällt schwach aus
Euro-Leitzinsen könnten weiter sinken

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird nach Einschätzung der meisten Mitglieder des Expertengremiums EZB-Schattenrat nicht daran vorbei kommen, die Leitzinsen noch einmal zu senken. Der EZB-Schattenrat setzt sich aus 18 europäischen Geldpolitik-Experten aus Finanzinstituten, Hochschulen und Forschungsinstituten zusammen.

FRANKFURT/M. Zwar stellten die meisten Schattenräte auf der jüngsten Sitzung zunehmende Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Aufschwung im Euroraum fest. Es überwog aber die Erwartung, dass der Aufschwung relativ schwach ausfallen wird. Die durchschnittliche Prognose der Mitglieder für das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr sank nochmals leicht auf nur noch 1,7 Prozent. Erst für 2005 erwarten die Schattenräte mit 2,1 Prozent ein Wirtschaftswachstum, bei dem die Unterauslastung der Produktionskapazitäten zumindest nicht mehr weiter zunimmt.

Die Inflationsrate wird nach der neuesten Schattenratsprognose im nächsten Jahr auf 1,5 Prozent zurückgehen und 2005 nur leicht auf 1,7 Prozent anziehen. Die EZB bemüht sich nach eigenen Angaben, die Inflationsrate „unterhalb aber nahe bei zwei Prozent“ zu halten.

Das erwartete Zurückbleiben der Inflation hinter dem Zielwert ist für viele der Schattenratsmitglieder ein wichtiges Argument für eine weitere Leitzinssenkung. „Eine Notenbank sollte sich konsequent an den eigenen Zielen und Prognosen ausrichten“, sagte der Mailänder Ökonomie-Professor Francesco Giavazzi. „Wenn zu erwarten ist, dass die Inflation bei unverändertem Leitzins zu stark sinken wird“, sollte der Leitzinsen zurück genommen werden.

Im Juni hatte die EZB eine Inflationsrate von durchschnittlich 1,3 Prozent im Jahr 2004 prognostiziert. Diese Prognose wurde für die September-Sitzung des EZB-Rats überprüft. Doch die EZB veröffentlicht ihre Prognosen nur in halbjährlichem Rhythmus, das nächste Mal also erst wieder im Dezember.

Ein Argument des Zinssenkungsgegners Thorsten Polleit überzeugte viele, dass zumindest derzeit vor dem Hintergrund der sehr optimistischen Finanzmärkte keine Zinssenkung angezeigt ist. „Würde die Notenbank jetzt senken, verstünden die Finanzmärkte dies wahrscheinlich als Signal, dass die Lage schlechter ist als gedacht. Oder aber die Inflationserwartungen und die Kapitalmarktzinsen würden steigen“, sagte Polleit. Beides liefe der Intention einer Zinssenkung zuwider.

Sorge bereitet vielen Schattenratsmitgliedern das hohe Leistungsbilanzdefizit der USA. Um es zu finanzieren, sind die USA auf einen starken Kapitalzustrom angewiesen. Die Experten befürchten einen Absturz des Dollarkurses falls dieser Zustrom ins Stocken geraten sollte.

Thomas Mayer von der Deutschen Bank kritisierte die sehr expansive Geld- und Fiskalpolitik in den USA als „unverantwortlich“, weil sie eine weitere Ausdehnung des Leistungsbilanzdefizits bewirke. Mayer ist der Ansicht, dass die EZB dagegen nichts tun kann und deshalb erst die Zinsen senken sollte, wenn es tatsächlich zu den erwarteten Verwerfungen kommt.

David Walton von Goldman Sachs und das frühere Mitglied des britischen Zentralbankrats, Sushil Wadhwani, verteidigten die US-Notenbank gegen Mayers Kritik. „Wenn die Wirtschaftspolitik im Euroraum mehr zur Stimulierung der Konjunktur tun würde und getan hätte, wären die USA nicht in so großen Schwierigkeiten“, sagte Walton.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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