Konjunkturoptimismus lässt Unterstützung für weitere Zinssenkung schwinden
Experten für abwartende Geldpolitik

Die abwartende Haltung der Europäischen Zentralbank (EZB) in der Geldpolitik findet zunehmend Unterstützung. Im EZB-Schattenrat votierten auf der letzten Sitzung 13 der 18 Mitglieder für unveränderte Leitzinsen. Zuvor war noch die Hälfte der Mitglieder für eine Leitzinssenkung eingetreten. Der EZB-Schattenrat ist ein festes Gremium prominenter Geldpolitik-Experten aus Finanzinstituten, Hochschulen und Forschungsinstituten.

FRANKFURT/M. Der neue EZB-Präsident Jean- Claude Trichet, der am Donnerstag erstmals die Sitzung des EZB-Rats leiten wird, hat damit einen leichten Start. Weder von Marktteilnehmern und Experten, noch von Seiten der Politik steht er zinspolitisch unter Erwartungsdruck.

Grund für den Stimmungswandel unter den Experten ist ein zunehmendes Vertrauen, dass der Wirtschaftsaufschwung im Euroraum sich fest etabliert. Gleichzeitig erwarten nur noch wenige, dass die Inflationsrate im nächsten Jahr deutlich unter das Ziel der EZB von knapp unter zwei Prozent" fallen wird. Im Durchschnitt wird für das Jahr 2004 von den Schattenratsmitgliedern eine Inflationsrate von 1,6 Prozent und ein Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent vorausgesagt.

„Ermutigt von den Anzeichen für einen Aufschwung bin ich diesmal für unveränderte Zinsen" begründete Sushil Wadhwani, ehemaliges Mitglied im geldpolitischen Rat der Bank von England, seine Meinungsänderung. Er stimmte damit zum ersten Mal nicht für eine Zinssenkung. Joachim Fels, Europa-Chefvolkswirt von Morgan Stanley, der ebenfalls seine vorherige Unterstützung für eine Zinssenkung aufgab, begründete dies mit der Möglichkeit, dass positive Wachstumsüberraschungen ab 2005 die Inflation wieder zu einem Problem werden lassen könnten.

Wenig Eindruck machte die Warnung, dass sich durch das seit langem hohe Geldmengenwachstum ein Inflationspotenzial aufgebaut habe. Sie wurde vorgetragen von Thorsten Polleit, Mitglied der EZB- Beobachtergruppe ECB-Observer und Deutschland-Chefvolkswirt der Investmentbank Barclays, sowie dem Bonner Ökonomieprofessor Jürgen von Hagen. „Die Liquidität ist zwar, hoch, aber in einer solchen Konjunkturphase ist das typisch und noch kein Anlass zum Gegensteuern“, sagte dazu Michael Heise, Chefvolkswirt von Dresdner Bank und Allianz Gruppe.

Umgekehrt fand auch die Forderung des belgischen Wirtschaftsprofessors Paul De Grauwe wenig Unterstützung, die wirtschaftspolitischen Reformprogramme durch eine expansivere Geldpolitik zu unterstützen.

Einige der Befürworter zunächst unveränderter Zinsen, rechnen weiter mit der Möglichkeit, dass eine Zinssenkung erforderlich werden könnte, vor allem wegen ungünstiger Wechselkursbewegungen. „Es gibt das Risiko, dass der Euro-Kurs zu stark steigt. Falls das eintritt, sollte die EZB den Leitzins senken, sagte etwa Gernot Nerb, Leiter der Umfrageabteilung des Münchener Ifo-Instituts.

Unterschiedlich eingeschätzt wurde das am Donnerstag verkündete starke Wirtschaftswachstum in den USA im dritten Quartal. „Das zeigt, dass die reflatorische Wirtschaftspolitik der USA erfolgreich war“, sagte Thomas Mayer, Chefvolkswirt für Europa der Deutschen Bank. Dem hielt Angel Ubide vom Hedge-Fund Tudor entgegen, dass das hohe Wachstum im abgelaufenen Quartal nur Reflex eines massiven finanzpolitischen Impulses sei und nichts über die Dauerhaftigkeit des Aufschwungs aussage.

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