Konjunkturprognose
Wann ist die Talfahrt endlich vorbei?

In der gesamten Euro-Zone mehren sich die Signale, die auf ein vorläufiges Ende der steilen konjunkturellen Talfahrt hindeuten. Die Wirtschaftsstimmung des Währungsgebiets besserte sich im zweiten Quartal 2009 das erste Mal nach sechs Rückgängen in Folge. Zuletzt hatte sich das Klima im Herbst 2007 verbessert.

FRANKFURT/LONDON. Ausschlaggebend für den aktuellen Anstieg waren die Erwartungen der Befragten: Der entsprechende Teilindex kletterte deutlich von 49,6 Punkten im ersten Quartal auf 76 Zähler im zweiten Vierteljahr. Die aktuelle Lage hat sich in den Augen der Konjunkturexperten dagegen nochmals vehement verschlechtert, zeigt der entsprechende Indikator an. Er fiel von 41,1 auf 29,9 Punkte.

Das Barometer basiert auf einer vierteljährlich erhobenen Umfrage des Münchener Ifo-Instituts und der Internationalen Handelskammer (ICC) in Paris unter Konjunkturexperten aus multinationalen Unternehmen und international agierenden Institutionen. Im April wurden 280 Konjunkturbeobachter befragt. Ihre Einschätzungen sind Teil einer Umfrage über die Weltkonjunktur, die in der kommenden Woche veröffentlicht wird.

In Deutschland, der größten Volkswirtschaft des Euro-Raums, hatten zuletzt erstmals auch realwirtschaftliche Daten den leicht positiven Trend der Stimmungsindikatoren untermauert. So verbuchte die Industrie im März erstmals seit einem halben Jahr wieder mehr Aufträge. Und der Exportsektor konnte zumindest, verglichen mit dem Vormonat, einen leichten Anstieg vermelden. Die Herstellung im produzierenden Gewerbe stagnierte nach monatelangem Rückgang immerhin.

Aber nicht in der gesamten Euro-Zone decken sogenannte harte Daten die Stimmungsindikatoren. Die Industrie des Währungsgebiets drosselte ihre Produktion im März um 20,2 Prozent, verglichen mit dem Vorjahr, und um zwei Prozent, verglichen mit dem Vormonat. Das gab Eurostat gestern bekannt. Damit deutet viel darauf hin, dass die Wirtschaft des Euro-Raums im ersten Quartal so stark geschrumpft ist wie noch nie. Die Wachstumszahlen für den gesamten Euro-Raum und Deutschland werden morgen veröffentlicht.

Auch außerhalb der Währungsunion zeigen sich in Europa inzwischen erste Indizien für eine Stabilisierung der Wirtschaftslage. Allerdings warnte die Bank of England (BoE) gestern vor zu viel Euphorie. Der vierteljährliche Inflationsbericht der britischen Notenbank fiel überraschend skeptisch aus. Die Rezession habe das Land nach wie vor fest im Griff, warnte Notenbank-Gouverneur Mervyn King. Vor Mitte kommenden Jahres sei mit keiner Trendwende zu rechnen. In ihrem letzten Inflationsbericht war die BoE noch davon ausgegangen, dass die Erholung in diesem Herbst einsetzen würde. Laut King wird die britische Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 4,5 Prozent schrumpfen. Damit zeichnet die Notenbank ein ähnlich düsteres Bild der britischen Konjunktur wie der Internationale Währungsfonds, während Finanzminister Alistair Darling in seinem Haushaltsentwurf von einem Minus von lediglich 3,5 Prozent ausgeht.

"Der besondere Charakter dieses Abschwungs und die Rolle des Finanzsektors sind Risiken, die eine langsamere Rückkehr zum Wachstumspfad als in einem normalen Wirtschaftszyklus erwarten lassen", warnte King. Die BoE stemmt sich mit einer Nullzinspolitik und einem umfangreichen Ankaufprogramm für Anleihen gegen die Krise. Das Programm wurde erst vorige Woche um 50 auf insgesamt 125 Mrd. Pfund ausgeweitet.

In den kommenden zwei Jahren sieht die BoE keine Inflationsgefahren. In ihrem Hauptszenario gehen die Volkswirte der Notenbank davon aus, dass die Teuerung im vierten Quartal 2009 im Jahresvergleich bei etwa 0,5 Prozent liegen wird und dann bis 2011 auf rund 1,2 Prozent ansteigt. Damit würde die Inflationsrate deutlich unter dem Zielwert der BoE von zwei Prozent bleiben.

Viele Volkswirte hat der pessimistische Ausblick der Notenbank überrascht. In den letzten Tagen hatten viele Wirtschaftsdaten eigentlich auf eine Stabilisierung der Lage hingedeutet. Die Industrieproduktion war im März nur um 0,6 Prozent gefallen, und der Rückgang im verarbeitenden Gewerbe kam fast zum Stillstand. In beiden Fällen hatten die Volkswirte mit einem Minus von einem Prozent gerechnet. Auch das britische Handelsbilanzdefizit und der Anstieg der Arbeitslosigkeit fielen geringer aus als erwartet.

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