Konjunkturprognosen
„Wir haben den freien Fall beendet“

Einige Wirtschaftsindikatoren legen nahe, dass die Krise langsam abklingt. Nun gehen auch immer mehr Ökonomen von einer Konjunkturwende aus. Ein "Ende des freien Falls" sieht der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann. Auch Volkswirte der Allianz-Versicherung glauben an das Ende der Talfahrt.

HB BERLIN/MÜNCHEN. "Manche Indikatoren zeigen eine wirtschaftliche Erholung an, und man wird an den deutschen Zahlen für das zweite Quartal sehen, dass wir den freien Fall beendet haben", sagte Zimmermann der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom Samstag. Weltweit mehrten sich die positiven Signale. Allerdings liege die größte Gefahr weiterhin auf dem Finanzsektor, wo immer noch viele Probleme ungeklärt seien: So schlummerten noch immer viele toxische Papiere in den Bankbilanzen, was ein großer Risikofaktor sei.

Eher optimistisch sieht Zimmermann auch die Entwicklung der Arbeitslosigkeit: Er gehe nicht davon aus, dass die Zahl der Arbeitslosen in diesem Jahr vier Millionen und 2010 fünf Millionen erreichen werde. Allerdings rechne er über einen großen Teil des nächsten Jahres "mit einer Vier vor dem Komma". Wenn man dies allerdings mit den schlimmsten Zeiten zu Beginn des Jahrzehnts vergleiche, als es fünf Millionen Arbeitslose gab, "dann sind wir - in einer großen, starken Wirtschaftskrise - bisher noch glimpflich davongekommen."

Der Wirtschaftsexperte sprach sich ausdrücklich gegen Forderungen der Politik nach niedrigeren Steuern aus. "Steuersenkungen gehen gar nicht", betonte er mit Blick auf große Belastungen der öffentlichen Haushalte. Stattdessen müsse man über Steuererhöhungen nachdenken. Sein Institut habe ausgerechnet, dass "man über die Vermögenssteuer 25 Milliarden zusätzlich einnehmen kann". Würde man die Mehrwertsteuer um sechs Prozentpunkte erhöhen, "dann ergäbe das sogar 50 Milliarden, und das strukturelle Defizit wäre getilgt".

Der CSU-Politiker Hans Michelbach mahnte hingegen zur Vorsicht und forderte Steuererleichterungen und eine bessere Kreditvergabe der Banken, um die Wirtschaft auf Wachstumspfad zu bringen. "Eine Schwalbe macht noch lange keinen Sommer", warnte der Vorsitzende der CSU-Mittelstandsunion in München. Niemand wolle die Entwicklung schlecht reden. "Aber wir sollten einen klaren Blick für die Wirklichkeit behalten." Es müssten alle Hemmschuhe entfernt werden, damit der Konjunkturzug wieder richtig Fahrt aufnehmen könne. Dazu gehörten eine leichtere Kreditvergabe ebenso wie Änderungen bei der Unternehmensbesteuerung und der Erbschaftsteuer, forderte Michelbach.

Mit einer Erholung der Konjunktur und spürbarem Wirtschaftswachstum im zweiten Halbjahr rechnet auch der Versicherungskonzern Allianz. "Der Schockzustand der Wirtschaft ist vorbei, die Talsohle der Rezession liegt hinter uns. Bei den Unternehmen zieht die Nachfrage wieder an. Wir erwarten nach dem Absturz zu Jahresbeginn eine deutliche Aufwärtsbewegung der Konjunktur im zweiten Halbjahr", sagte Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise der "Bild-Zeitung" (Samstagausgabe). Die Wirtschaft werde spürbar wachsen. Die Arbeitslosigkeit werde zunehmen, aber nicht so stark wie in vielen Schreckensszenarien unterstellt, fügte Heise hinzu. Sein Unternehmen geht davon aus, dass die Wirtschaft nächstes Jahr bereits wieder um 2,7 Prozent wachsen und damit einen Großteil des diesjährigen Konjunktureinbruchs wieder wettmachen wird.

In vielen Branchen haben sich in den vergangenen Monaten die Hinweise auf ein Ende der rasanten Talfahrt gemehrt: So nahmen sowohl die Industrieaufträge als auch die Produktion stark zu. Zuletzt war der vierte Anstieg des Ifo-Geschäftsklimaindexes in Folge als Zeichen für eine Trendwende gewertet worden. Im ersten Quartal war das Bruttoinlandsprodukt mit 3,8 Prozent so stark eingebrochen wie noch nie seit Einführung dieser Statistik 1970. Für das Frühjahrsquartal sagen 20 von der Agentur Reuters befragte Experten im Schnitt ein Minus von 0,4 Prozent voraus. Das Wirtschaftsministerium hält sogar eine "schwarze Null" für möglich - dann wäre die Konjunktur zum ersten Mal seit Anfang 2008 nicht mehr geschrumpft. Eine erste Schätzung veröffentlicht das Statistische Bundesamt im August.

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