Kreditmarkt
US-Regierung stemmt sich gegen Rezession

Hiobsbotschaft für die US-Konjunktur: Die amerikanische Wirtschaft ist im dritten Quartal so stark geschrumpft wie seit sieben Jahren nicht mehr. Die US-Notenbank Fed und Finanzminister Paulson greifen nun erneut ein, sichern Konsum- und Hypothekenkredite zu. Das Gesamtvolumen kann sich dabei durchaus mit dem bereits beschlossenen Rettungsfonds messen.

NEW YORK/FRANKFURT. Die US-Regierung will die Konjunktur stützen, indem sie durch ein Milliardenprogramm Kredite für Verbraucher günstiger macht. Die Notenbank Fed werde von den Privatbanken mit Krediten gedeckte Anleihen im Volumen von insgesamt 800 Mrd. Dollar als Sicherheiten für Kredite akzeptieren, sagte Finanzminister Henry Paulson am Dienstag. Dabei geht es um Konsumkredite, Autofinanzierungen und vor allem Hypothekenkredite. „Es ist entscheidend, dass wir die Immobilienkrise in den Griff bekommen“, sagte Paulson. An den Kapitalmärkten kamen die Maßnahmen gut an. Die Aktienmärkte legten zwischenzeitlich deutlich zu.

Der Quasi-Zusammenbruch des privaten US-Häusermarktes ist der Auslöser der aktuellen Finanzkrise. Die dadurch hervorgerufenen Bankpleiten führten dazu, dass Investoren den Banken keine Anleihen mehr abkaufen, die mit Hausfinanzierungen oder anderen Konsumentenkrediten gedeckt sind. Da die Institute in der Krise aber nur wenige Privatkundendarlehen in die eigene Bilanz nehmen wollen, sind Kredite für die US-Bürger – wenn überhaupt verfügbar – sehr teuer geworden. Sie reagieren entsprechend mit konjunkturschädigender Konsumzurückhaltung.

Die US-Verbraucherzuversicht ist zwar überraschenderweise im November gestiegen, doch die amerikanische Wirtschaft ist im dritten Quartal so stark geschrumpft wie seit sieben Jahren nicht mehr. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei im dritten Quartal mit einer hochgerechneten Jahresrate von 0,5 Prozent geschrumpft, teilte das US-Handelsministerium am Dienstag mit. Die Fed will von den Banken nun neue mit Konsumentenfinanzierung gedeckte Anleihen (ABS) im Volumen von 200 Mrd. Dollar als Sicherheit im Gegenzug für Zentralbankgeld abnehmen. Sie hofft, so die Kreditvergabe anzukurbeln. Für bis zu 600 Mrd. Dollar sollen mit Hypotheken gedeckte Anleihen (RMBS) der quasi-staatlichen Hausfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac so übernommen werden. Damit garantiert die Fed diese Anleihen faktisch und die Refinanzierungskosten für diese Papiere dürften sinken.

Seit Beginn der aktuellen Krise hat die Fed im Rahmen ihrer Geldpolitik viele ähnliche Programme aufgelegt. Bereits vor dem jetzt verkündeten neuen Programm hatte sie ihre Bilanzsumme auf 2,2 Bill. Dollar mehr als verdoppelt. Wenn die Banken die Zentralbankdarlehen zurückzahlen, erhalten sie die Anleihen zurück. In das aktuelle Programm fließen 20 Mrd. Dollar aus dem 700 Mrd. Dollar schweren Bankenrettungsfonds Tarp. Damit dürfte dessen erste Tranche von 350 Mrd. Dollar praktisch aufgebraucht sein. Will Paulson weitere Tarp-Mittel nutzen, muss er sich diese nun vom Kongress freigeben lassen. Einen konkreten Termin dafür nannte Paulson nicht. Auf die Frage, wann die Serie der Regierungsprogramme zur Lösung der Krise enden werde, sagte Paulson lediglich: „Es ist naiv anzunehmen, das ein einzelnes Gesetz die Probleme lösen kann.“

Seit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers kompensiert die Fed die Liquiditätswirkung solcher Marktstützungsprogramme nicht mehr durch Verkäufe anderer Wertpapiere. Damit ist sie von der traditionellen Zinspolitik auf eine Politik der Geldmengenausweitung umgeschwenkt, wie sie die japanische Notenbank seit Jahren betreibt. Mit den neuen Programmen wird dieser Strategiewechsel noch verstärkt. Die Idee dahinter ist, dass die Banken die nicht benötigte Liquidität einsetzen, um Kredite zu vergeben und dadurch die Wirtschaft ankurbeln.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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