Kreditvergabe
Britische Notenbank erwägt Strafzins für Banken

Die britische Notenbank will mit unkonventionellen Mitteln die Banken dazu bringen, mehr Kredite zu vergeben. Mervyn King, Gouverneur der Bank of England, denkt dabei auch laut über negative Zinssätze für Einlagen von Überschussreserven der Geschäftsbanken bei seinem Geldinstitut nach. Schweden hat diese radikale Lösung bereits eingeführt.
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mm/rtr LONDON. Mervyn King bestätigte bei einer Parlamentsanhörung, dass die Zentralbank erwägt, die Zinsen zu kürzen, die sie Geschäftsbanken für die Anlage ihrer Überschussreserven bezahlt. Da der britische Leitzins bereits bei 0,5 Prozent liegt, hieße das de facto, dass die Banken keinerlei Zins für ihre Einlagen bei der Notenbank bekämen, oder sogar eine Abgabe für das Parken des Geldes entrichten müssten. Entsprechende Spekulationen hatten in der Londoner City bereits seit längerem die Runde gemacht.

Die Senkung des Einlagensatzes soll die Banken dazu bringen, weniger Geld bei der Notenbank anzulegen und es stattdessen in den Kreditkreislauf einzuspeisen. „Die Bank of England kämpft mit dem Problem, dass die Banken das Geld, dass sie durch die Vordertür in die Wirtschaft pumpt, durch die Hintertür wieder bei ihr anlegen“, sagt Sam Hill von der Fondsgesellschaft Threadneedle.

Die radikalste Lösung für dieses Problem hat bisher Schweden gefunden. Als erstes Land überhaupt senkten die Skandinavier im Juli den Einlagensatz für Überschussreserven auf einen negativen Satz. Statt positive Zinsen zu kassieren, müssen die schwedischen Geldhäuser für ihre Einlagen bei der Notenbank nun eine Abgabe von 0,25 Prozent bezahlen. Japan dachte während der langen Wirtschaftskrise, die das Land in den 90er Jahren lähmte, ebenfalls über die Einführung negativer Zinsen nach, schreckte am Ende aber vor der Einführung der radikalen Maßnahme zurück. Großbritannien wäre das erste große Industrieland, das sich an das Thema negative Einlagenzinsen für Kreditinstitute heranwagt. Von der Europäischen Zentralbank EZB sind solche Überlegungen nicht bekannt.

Das Königreich leidet wie andere Industrieländer auch, seit Monaten unter einer Kreditklemme. Kritiker werfen den Banken vor, dass sie das zusätzliche Geld, das die Zentralbank in die Wirtschaft pumpt lieber horten, statt es an kreditbedürftige Unternehmen weiterzugeben und damit ihren Beitrag zur Erholung der Wirtschaft nach der Finanzkrise zu leisten.

Die Ankündigung des britischen Notenbankchefs sorgten an den Märkten für Aufregung. Das Pfund fiel auf den tiefsten Stand seit vier Monaten, am Anleihenmarkt gaben die Renditen von Staatsanleihen nach. Händler sagten, die Bank of England sei offenbar ernsthaft dabei, den Einsatz neuer Werkzeuge im Kampf gegen die Krise zu prüfen. Die Zentralbank hatte bereits vor Monaten den Leitzins auf nahe null Prozent gesenkt und kauft derzeit in großem Stil Wertpapiere auf, um den Geldkreislauf zu beleben. Erst kürzlich hatte die Notenbank ihr Ankaufprogramm für Staatsanleihen um 50 Mrd. Pfund aufgestockt.

„Der Erfolg der Ausweitung der Geldmenge hängt aber davon ab, ob die Banken die zusätzliche Liquidität auch wirklich weiter geben“, erläutern die Analysten von RBC Capital. Sollten die Institute das Geld weiter horten, könne aus den Gedankenspielen von Notenbankchef King schon bald wirtschaftliche Realität werden.

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