Krisenbewältigung
Der geliehene Aufschwung ist da

Am Anfang überwog die Skepsis, dann folgten Spott und Hohn – und heute müssen deutsche Ökonomen zähneknirschend einräumen: Ja, die Abwrackprämie hat ihren Zweck erfüllt. Tatsächlich kam sie sogar genau zum richtigen Zeitpunkt und half, den Exitus der Industrie zu verhindern. Volkswirte aber wollen die Krise trotz guter Konjunkturdaten noch nicht zu den Akten legen.

DÜSSELDORF. Während das von der Bundesregierung angestoßene Investitionsprogramm vor sich hindümpelt und bis heute kaum ein Spatenstich erfolgte, stürmten die Deutschen die Autohäuser und verschrotteten ihre Rostlauben, was das Zeug hielt. Doch seit Mittwoch, 10.14 Uhr ist Schluss damit. Zwei Millionen Deutsche freuen sich im Wahljahr über ein neues Auto – und 82 Millionen Steuerzahler über fünf Mrd. Euro neue Staatsschulden. Und, vielleicht das Wichtigste, der Konsum in Deutschland stieg trotz Rekordrezession im ersten Halbjahr leicht an und half so der Industrie, die Krise zu überstehen. Die Stimmung in Wirtschaft und Bevölkerung brach nicht vollkommen zusammen, und der befürchtete rapide Anstieg der Arbeitslosigkeit blieb, nicht zuletzt wegen der Kurzarbeit, bislang aus. Zur Verblüffung aller Volkswirte sank die saisonbereinigte Arbeitslosigkeit im August sogar leicht.

Zudem zeigen bereits Industrieaufträge, -produktion und Stimmungsindikatoren wieder nach oben, und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Auch die deutsche Chemieindustrie meldete am Mittwoch, dass die Branche nach neun Monaten Talfahrt im zweiten Quartal erstmals wieder gewachsen sei; die Wirtschaftsvereinigung Stahl rechnet 2010 mit einer steigenden Rohstahlproduktion. Und selbst in der schon totgesagten US-Industrie deutet die Stimmung der Einkaufsmanager wieder auf Wirtschaftswachstum hin, und die „Weltuntergangsstimmung der US-Verbraucher hat sich verflüchtigt“, meint Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner. am Mittwoch wurde zudem bekannt, dass sich der Stellenabbau in den USA im August verlangsamte. Zudem machte die Produktivität im Frühjahr einen Sprung um 6,6 Prozent.

Während Konjunkturforscher sich im Frühjahr noch einen Wettlauf um das pessimistischste Szenario lieferten, kam der Absturz in den großen Wirtschaftsregionen bereits zum Stillstand: Die Wirtschaftsleistung der Euro-Zone schrumpfte im zweiten Quartal nur noch um 0,1 Prozent, die der USA um 0,3 Prozent, und die Japans stieg bereits wieder um 0,9 Prozent zum Vorquartal.

Für das laufende dritte Quartal stehen fast überall die Ampeln auf Grün. Das Münchener Ifo-Institut hat bereits angekündigt, seine Wachstumsprognose für 2009 und 2010 nach oben zu revidieren, das DIW rechnet im dritten Quartal mit 0,8 Prozent Wachstum, und in Berliner Regierungskreisen heißt es, man müsse die bisherige Prognose von minus sechs Prozent im Oktober wohl nach oben korrigieren. Doch ist das alles schon ein echter, sich selbst tragender Aufschwung? Was passiert, wenn weltweit die Konjunkturprogramme auslaufen? Kommen dann der Kater und die Forderung nach immer neuen Geldspritzen für die Wirtschaft?

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