Brasilien
Ein Schwergewicht drängt weit nach vorn

Unter dem beliebten Präsident Lula da Silva hat sich das Land ein kräftiges Wachstum erarbeitet und die Armut reduziert. Jetzt steht die Stichwahl ums Präsidentenamt an. Was das Land braucht, ist ein hohes Maß an politischer Kontinuität und ein wachsendes Gefühl für ökologische Verantwortung.

FRANKFURT. Brasilien, das fünftgrößte Land der Welt, zieht Kapital an wie ein Magnet Eisenspäne. Dieser Erfolg zeigt schon unerwünschte Nebenwirkungen: Um die Aufwertung der Landeswährung Real zu bremsen, erhöhte die Regierung jetzt die Steuer auf den Kauf brasilianischer Staatsanleihen durch ausländische Anleger auf vier Prozent.

Als der Sozialist Luis Inácio Lula da Silva, genannt Lula, 2002 zum Präsidenten gewählt wurde, glaubte wohl niemand, dass dieses riesige Land mit seinem steilen Entwicklungsgefälle in nur acht Jahren dorthin kommen würde, wo es heute steht. Lula - laut Barack Obama der "beliebteste Politiker der Welt" - verabschiedete sich zügig von seinen linksextremen Ansichten: Er sanierte den Haushalt, bekämpfte die Inflation, schlug einen marktorientierten Reformkurs ein und hatte dabei das Glück des Tüchtigen.

Das kräftige Wachstum - befördert durch eine boomende Rohstoffnachfrage aus China - führte zu einem deutlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit und erreichte in Form höherer Einkommen die untere Mittelschicht. Die klugen Beihilfen für die ärmsten Familien zusammen mit dem Wirtschaftswachstum bewirkten eine Halbierung der Rate der existenziellen Armut, sorgten für mehr sozialen Frieden und garantierten Lulas Arbeiterpartei PT die Unterstützung der Armen.

Dem ökonomischen Take off entspricht ein deutlich gestiegenes außenpolitisches Selbstbewusstsein Brasiliens. Dies zeigen die Beteiligungen an Uno-Einsätzen und der souveräne Umgang mit dem Iran. Der große und kräftig expandierende brasilianische Binnenmarkt gepaart mit einem unterdimensionierten und nur in Teilen international wettbewerbsfähigen Industriesektor, der Reichtum an weltweit begehrten natürlichen Ressourcen, hohe Realzinsen und die politische Stabilität machten Brasilien in den letzten Jahren zu einem attraktiven Zielland für ausländisches Kapital.

Als weicher Attraktivitätsfaktor kommt hinzu, dass sich der erwachende Riese Brasilien in sympathischer Weise von den anderen Bric-Staaten abhebt: Nicht so machtbewusst und bedrohlich wie China, nicht so chaotisch und traditionsverhaftet wie Indien und nicht so autoritär und vom Korruptionsvirus befallen wie Russland. Es ist wahrscheinlich, dass sich die gute ökonomische Performance der letzten Jahre fortsetzt, sicher ist dies aber nicht. Slums, soziale Spannungen und eine erschreckende Kriminalität prägen nach wie vor das öffentliche Leben. Für das kräftige Wachstum der vergangenen Jahre wurde ein hoher ökologischer Preis gezahlt, was das gute Ergebnis der Kandidatin der Grünen bei der Präsidentschaftswahl am 3. Oktober erklärt. Das Steuersystem, eines der kompliziertesten der Welt, bremst die Wirtschaft.

Es ist ungewiss, ob die Ökonomin und amtierende Energieministerin Dilma Rousseff nach ihrem mutmaßlichen Sieg in der Stichwahl um das Präsidentenamt am 31. Oktober den Willen und die Kraft hat, die gemäßigt linke, marktorientierte Politik ihres charismatischen Mentors Lula fortzusetzen. Ihre Arbeiterpartei ruft nach mehr Staatseinfluss auf die Wirtschaft und einer Wiederbelebung vor sich hindämmernder Staatskonzerne.

Ökonomen und Unternehmer hoffen oft, dass zur Entfesselung von Wachstumskräften ein Ruck durch das Land und die Politik gehen möge. Im Interesse einer Fortsetzung seiner wirtschaftlichen Erfolgsstory sollte man genau dies Brasilien nicht wünschen - wohl aber ein hohes Maß an wirtschaftspolitischer Kontinuität gepaart mit ökologischer Verantwortung.

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