Eine Stadt im Chaos
Lagos spiegelt die Misere Afrikas

Die zweitgrößte Stadt Afrikas operiert am Rande des Zusammenbruchs. Die Regierung hat Lagos aufgeben und ist in die Provinz umgezogen. Doch ewig können die Politiker auch dort den Problemen des Landes nicht aus dem Weg gehen.

KAPSTADT. Der Verkehr in Lagos ist so monströs, dass selbst der geduldigste Besucher am Ende verzweifelt. Seine Straßen sind permanent verstopft. Um aus einem der Vororte über die Lagune in die Geschäftsviertel auf Lagos Island oder Victoria Island zu gelangen, brauchen Zehntausende von Pendlern während der Stoßzeiten für eine 15 km lange Strecke bis zu drei Stunden. Büroangestellte versuchen nach der schweißtreibenden Anfahrt oft vergeblich, am Schreibtisch nicht einzunicken.

Aber selbst Manager können in der nigerianischen Wirtschaftsmetropole nie sicher sein, ihren Flug zu erreichen oder auch nur eine Verabredung einzuhalten.

Viele von ihnen haben sich längst daran gewöhnt, ihr im Stau sitzendes Taxi zu verlassen und einen Motorradfahrer herbeizuwinken, auf dessen Soziussitz man oft Kopf und Kragen riskiert, während der Pilot zwischen den Kolonnen hupender Autos Slalom fährt. Lastwagen schaffen sich freie Bahn, indem der Beifahrer aus dem Fenster heraus mit einer Peitsche oder einem Stock auf die Dächer der zu nahe kommenden Autos eindrischt. „Es gibt keinen Grund, Lagos zu besuchen, außer man hat Freunde dort", heißt es im Lonely Planet Reiseführer, dem sonst für die unwirtlichsten Orte noch netteWorte einfallen.

Stromausfälle sind Normalität

Die chaotische Verkehrslage ist nur das Erste, was der Besucher vom verrückten urbanen Alltag bemerkt. Bewohner klagen oft über permanente Stromausfälle und den Ausfall von Computer und Klimaanlage. Wer es sich leisten kann, wird zum Energieselbstversorger und legt sich einen Generator und ein Wasserbohrloch zu. Nirgendwo auf der Welt gibt es eine höhere Dichte an Kleingeneratoren als hier: ZweiDrittel der nigerianischen Elektrizität wird in Kellern und Hinterhöfen produziert - zu Gesamtkosten von 13 Mrd. Dollar im Jahr.

Gegenwärtig erzeugt Nigeria für seine gut 150 Mio. Einwohner kaum 3 000 Megawatt Strom pro Jahr - das entspricht der Region um den Narita- Airport von Tokio. Rein rechnerisch teilen sich drei Nigerianer eine Glühlampe. Das ebenfalls von Stromausfällen geplagte Südafrika produziert mit 40 000 Megawatt mehr als das Zehnfache, für 49 Mio. Einwohner.

Nigerias Industrieverband macht seit langem die chaotische Stromversorgung für die sinkende Industrieproduktion verantwortlich, die nur lächerlich kleine 4 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt des Landes beisteuert. Investoren verlassen derweil das Land: Die Reifenfirma Dunlop begründete das Aus für ihre Produktion in Nigeria mit den hohen Energiekosten. Dabei ist das Problem nicht neu: seit fast 20 Jahren stagniert der Ausbau der Stromversorgung.

Umso skeptischer sind viele Nigerianer gegenüber den gerade verkündeten Plänen der Regierung, in den nächsten zehn Jahren 35 Mrd Dollar in ein grandioses Programm zur Privatisierung der Energieversorgung zu pumpen. Wenig deutet schon deshalb auf Besserung hin, weil die Einwohnerzahl von Lagos jedes Jahr um fast acht Prozent wächst. Nach Prognosen der Uno wird der Moloch, in dem 60 Prozent der nigerianischen Wirtschaft außerhalb des Erdölsektors angesiedelt sind, schon 2015 auf 17 Mio. Menschen gewachsen sein. Lagos versinnbildlicht das Grundproblem Afrikas. Wachstum ohne Entwicklung.

Das Gleiche wie für sein Wirtschaftszentrum gilt für Nigeria insgesamt: Seit der Unabhängigkeit im Jahre 1960 hat sich seine Bevölkerung von weniger als 40 Mio. auf nun über 150 Mio. Menschen fast vervierfacht. Und bis zum Jahr 2050 ist Uno-Projektionen zufolge mit einem deutlichen Anstieg um weitere 130 Mio. auf fast 300 Mio. zu rechnen.

Seite 1:

Lagos spiegelt die Misere Afrikas

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%