Indiens Dienstleistungskultur
Der tägliche Mangel liefert die Geschäftsidee

Indiens Mittelstand trägt den Aufschwung mehr als die großen Konzerne. Wer hier Geschäfte machen will, braucht Geduld und Improvisationstalent. Wer beides mitbringt, wird dafür belohnt wie in keinem anderen Land.

NEU-DELHI. Rakhi Soni ist immer im Dienst. Ob nachts um eins in der Wohnung die Hauptsicherung durchbrennt oder am Sonntag bei 43 Grad eine tote Ratte die Klimaanlage blockiert - Soni ist immer erreichbar. "Kein Problem, Sir", tröstet sie den verzweifelten Anrufer und schickt einen Handwerker. Oder ihren Bruder. Oder sie kommt selbst.

Die 35-Jährige lebt von der notorischen Unzuverlässigkeit indischer Elektroinstallationen, Wasserleitungen, Stromgeneratoren und Türschlösser, von undichten Dächern und termitenzerfressenen Schränken. Ihre Leute reparieren alles, und sie tun es pünktlich.

Das ist in Indien keine Selbstverständlichkeit. An sich kommen Klempner gerne mal zwei Tage zu spät - und stehen dann ratlos vor der kaputten Klospülung. Soni erspart einem diese Erfahrung. Dafür sind ihre Dienste aber auch deutlich teurer. Trotzdem brummt das Geschäft. Aus dem Ein-Frau-Betrieb, den sie vor 13 Jahren in Neu-Delhi startete, hat sich ein florierendes Unternehmen mit 14 Beschäftigten entwickelt.

Die Dienstleistungskultur stimmt

Sonis Geschichte ist typisch für Indiens neue Mittelschicht. Für Millionen Menschen, denen es dank Ehrgeiz und unternehmerischer Ader wirtschaftlich immer besser geht. Ihr Erfolg fußt auf einer tief verwurzelten Dienstleistungskultur. Der Lebensmittelhändler, der sieben Tage die Woche in seinem garagengroßen Laden an der Hauptstraße sitzt, liefert selbstverständlich frei Haus. Der Schneider, der für umgerechnet 100 Euro einen maßgeschneiderten Anzug näht, kommt bereitwillig zur Anprobe ins Büro. Hunderttausende Informatiker in den IT-Unternehmen und Telefonisten in den Call-Centern arbeiten nachts, weil es dann Tag ist bei den Kunden in den USA.

Wenn von Indiens wirtschaftlichem Vormarsch die Rede ist, dann sind gewöhnlich die großen Konzerne wie Tata, Reliance Industries, Wipro und Bharti Airtel gemeint, und die superreichen Unternehmerfamilien hinter ihnen. Doch in Wahrheit ist es die Mittelschicht, die den Wandel des jahrzehntelang vom Sozialismus gefesselten Landes antreibt. Ihrem Unternehmergeist verdankt Indien, dass es trotz seiner löchrigen Infrastruktur und der ineffizienten staatlichen Verwaltung ein Wachstumstempo vorlegt, von dem andere Länder nur träumen können.

Die jungen Aufsteiger in den Städten sprengen gesellschaftliche Konventionen. Sie ignorieren das Kastensystem und die traditionellen Geschlechterrollen. Soni hat sich gegen den Willen ihres Vaters in einem Männerberuf durchgesetzt.

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