Konsumstimmung
Die Russen kaufen, als gäbe es kein Morgen

Russland ist für Händler ein Eldorado: Denn Russen neigen bei ihren Einkaufstouren nicht zur Sparsamkeit. Die Kunden kaufen, bis das Portemonnaie leer ist. Daher ist der Konsum auch in Krisenzeiten eine wichtige Stütze der russischen Wirtschaft.
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MOSKAU. Vermutlich würde sich jeder Durchschnittsdeutsche im Geschäft von Oxana Orlowa unwillkürlich vorsichtig bewegen. In ihrem Regal wartet Art Déco in Millionenhöhe auf Käufer, so wie eine edle Vase namens Ingrid Bergmann, die aus dem Hause des französischen Glaskünstlers René Lalique stammt und mehr als 4 500 Euro kostet. Auf diesem guten Stück würde der gemeine Deutsche nicht einmal seinen Fingerabdruck hinterlassen. Gucken, nicht kaufen, lautet die Devise - und die gilt auch für mich. Im Laden mache ich einen großen Bogen um den wackeligen Weihnachtsbaum, der mit sündhaft teuren Kugeln bestückt ist.

Warum sind wir nur so? Und warum sind die Russen so anders? Die kaufen jegliche Luxuswaren ohne mit der Wimper zu zucken, während der Deutsche sein Erspartes lieber in Bundesanleihen anlegt. Ein paar Minuten später betritt ein Mittfünfziger den Laden und kauft binnen zwei Minuten einen Porzellanteller für 2 000 Euro.

Oxana glaube ich aufs Wort, wenn sie sagt, dass die Luxusbranche in Russland krisensicher ist. "Wir haben die Finanzkrise nicht im Ansatz gespürt", sagt die 38-Jährige: "Die Russen sparen nicht, sie geben ihr Geld mit vollen Händen aus." Und bestenfalls brauche sie ohnehin nur ein, zwei Kunden pro Tag, damit ihre Boutique "Schukowka Plaza" in Moskaus Luxus-Mall "Jahreszeiten" schwarze Zahlen schreibt.

Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die jüngere Geschichte und auf die russische Mentalität, die im Laufe von sieben Jahrzehnten unter der Sowjet-Planwirtschaft geformt wurde. Damals verbrachten Russen oft Stunden in Schlangen, um einen Laib Brot zu kaufen. An Westware war sowieso nicht zu denken. Oxana Orlowa wuchs in dieser Zeit in Moskau auf, später studierte sie Mikrobiologie, schrieb Fachaufsätze. Aber in der Wissenschaft lässt sich bis heute kein Geld verdienen - also wechselte die Ingenieurin 1994 in die Luxusbranche. "Heute stillen wir den Hunger auf Konsum, denn das war in Sowjetzeiten nicht möglich."

Hinzu kommt, dass Banken in Russland nicht unbedingt Vertrauen genießen. Dreimal haben die Russen in den neunziger Jahren eine galoppierende Inflation erlebt, die ihre Ersparnisse entwertete. Und so ist es kein Wunder, dass ein Landwirt, der den ganzen Sommer auf dem Feld malocht, die Ernteerträge im Winter nicht auf die hohe Kante legt - sondern im größten Plasma-Fernseher investiert, den der Media-Markt im Angebot hat.

Wer sein Geld so reichlich vermehrt hat, dass sich die Suche nach nützlichen Investitionen kompliziert gestaltet, legt es am besten in Statussymbolen an: Mercedes und BMW, in Russland die motorisierten Sinnbilder für Erfolg, sind hierfür gut geeignet, eine teuere Sichtbarkeit wie die Uhr nicht minder.

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  • Konsumfrohlockungen überall. Was kann es schöneres geben?! Wenn sich unser Glück daran misst, was wir in der Lage sind auszugeben, sind wir ein sehr glückliches Volk. Das sagen uns die Schlagzeilen, der Massen erreichenden Medien.
    Was für eine armselige Welt, die uns eines Tages auf den Kopf hauen wird.

  • Der Artikel trifft in der Tat zu. ich lebe in Moskau und beobachte dieses Konsumverhalten (auch meiner russischen Freunde und bekannten) ebenso.

    Es gibt aber unterschiedliche Ursachen für dieses Phänomen. Die Tatsache, daß man in der Sowjetunion unter Mangel lebte, trifft auch auch für alle osteuropäischen Staaten sowie die Fünf Neuen bundesländer zu und dort herrscht ein anderes Konsumverhalten. Darüberhinaus hat die jüngere Generation diese Zeit gar nicht bewusst erlebt.

    Der Fakt, daß die Abgaben auf Einkommen sehr niedrig sind (13% Einkommenssteuer und alle Sozialversicherungen werden komplett vom Arbeitgeber bezahlt), führt dazu, daß am Monatsende selbst eine Sekretärin oder ein Chaufeur über 1000 USD bar in der Tasche haben.

    Darüberhinaus werden für gut ausgebildete Fachkräfte sehr gute Gehälter bezahlt und vor allem in Leitungspositionen deutlich mehr als in vergleichbaren Positionen in Deutschland bezahlt. Ein/e Leiter/in Controlling kann in einem Konzern durchaus 10000 USD pro Monat (minus 13% ESt.) verdienen.

    Desweiteren besitzen nicht wenige eine Eigentumswohnung, die teuer vermietet ist. in Moskau, beispielsweise, wird man unter 3000 USD keine 3 Zi-Wohnung nach westlichen Standard finden, eher 4-6000 USD. Und diese Einkommen werden häufig NiCHT versteuert.

    Und dies ist die dritte Ursache für den Konsumrausch vieler Russen - Geld wird häufig leicht und schnell verdient, an der Steuer vorbei oder eben auch durch das leidige Thema der bestechung. Die Schattenwirtschaft ist immens und macht viele, viele Leute reich.

    Das dieser Reichtum in einem Land mit 145 Mio Einwohnern nicht alle erreicht, bleibt nicht aus. Fakt ist, daß junge tatkräftige und intelliegnte Menschen in Russland schneller zu grossen Wohlstand kommen können, als es in Deutschland der Fall ist, weil Steuern und Abgaben sehr, sehr niedrig sind und Gehaltsentwicklungskurve viel steiler ist. Und Deutschland profitiert davon ungemein, denn MADE iN GERMANY ist in Russland ein Qualitätsversprechen und dafür wird entsprechend gerne gutes Geld bezahlt.


  • @[1] FM,
    die Mittel für diese Konsumgüter kommen aus der Kapitalistische Welt.
    Die Preise für Edelmetalle wie Gold und Silber erklimmen immer neue Höchststände. Und die Nachfrage bleibt ungebrochen.
    Genau so die Preise für Erdöl und Erdgas.
    Da in Russland wenige viel vom Kuchen und viele wenig vom Kuchen abbekommen sind Luxusgüter sehr gefragt. Lenin lässt grüßen.

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