Länderanalyse 2010: Deutschlands erstaunliches Comeback

Länderanalyse 2010
Deutschlands erstaunliches Comeback

Der Ökonom Bert Rürup stellt dem Standort Deutschland gute Noten aus. In einer Serie von Länderanalysen im Handelsblatt vergleicht er die Stärken und Schwächen von 15 Ländern. Das Ergebnis: Deutschland ist das wirtschaftliche Kraftzentrum Europas.
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FRANKFURT. Am 7. Dezember 2002 zierte ein in Lumpen gehüllter Riese die Titelseite eines Deutschland-Berichts des „Economist“. Dieser erschöpft und verängstigt wirkende Rübezahl sollte für den Wirtschaftsstandort Deutschland, den „kranken Mann Europas“, stehen. Groß, aber kraftlos, ideenlos, aber teuer, wachstumsschwach und in der internationalen Wettbewerbsfähigkeit weit zurückgefallen. Dieser harsche Report war die Folie für zahlreiche Masterpläne zum Umbau Deutschlands, zu Büchern über Verkrustungen, Reformstau oder eine vermeintliche Schmelze der deutschen Industriekerne und sicher auch – zusammen mit den „Zwanzig Punkten für Beschäftigung und Wachstum“ des Sachverständigenrats vom November 2002 – ein Anstoß für die Agenda 2010.

Keine acht Jahre später, im März 2010, beschrieb der gleiche „Economist“ Deutschland als „Europe’s Engine“. Zu Recht: Kaum ein anderes OECD-Land hat in der letzten Dekade so weitreichende Reformen der Arbeitsmarkt-, Steuer- und Rentenpolitik durchgesetzt wie Deutschland – trotz des Lamentos über die vermeintliche Reformunfähigkeit.

Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf lag Deutschland 2009 laut IWF weltweit nach Frankreich und vor Japan auf Platz 18. Mit fast 41 000 Dollar war unsere Pro-Kopf-Leistung noch immer mehr als zehnmal so hoch wie die chinesische. Auch die deutschen Unternehmen haben sich reformiert. Sie haben nach der Rezession von 2001/02 ihre Strukturen verschlankt und die Bilanzen konsolidiert. Sie haben den Fremdfinanzierungsanteil gesenkt und die Gewinne gesteigert. Ihr Cash-Flow hat seither um mehr als 30 Prozent zugenommen. Zudem haben Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände mit klugen Abschlüssen gezeigt, wie wachstums- und beschäftigungsfreundlich unser Kollektivvertragssystem sein kann.

Deutschland steht also wieder stark da – und das, obwohl die Folgen der globalen Finanzkrise für Deutschland schwerwiegender waren als für die meisten anderen Industrieländer. Das Produktionsniveau fiel durch den Einbruch zum Jahreswechsel 2008/09 um drei Jahre zurück. So erfreulich kräftig und breit die gegenwärtige konjunkturelle Erholung ist, so dürfen wir eines nicht vergessen: Der für dieses Jahr erwartete Zuwachs des BIP von gut drei Prozent bedeutet nicht mehr, als dass wir Ende des Jahres etwa 70 Prozent der Verluste aufgeholt haben und erst auf dem Produktionsniveau von Mitte 2007 sind.

Der ökonomische Zeitgeist ist flüchtig. Heute wird die Exportstärke der deutschen Industrie gelobt und bewundert, doch noch vor kurzem propagierte ein gemischter Chor Ökonomen und Politiker aus dem In- und Ausland eine gezielte Stützung des privaten Verbrauchs zulasten der Ausfuhr als Rezept für ein stabileres Wachstum und geringere weltwirtschaftliche Ungleichgewichte.

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