Länderanalyse 2010: Indien tritt aus Chinas Schatten

Länderanalyse 2010
Indien tritt aus Chinas Schatten

Der Subkontinent ist Entwicklungsland und Wirtschaftsmacht in einem. Das anhaltende Bevölkerungswachstum bringt ihn langfristig in eine günstigere Position als China. Schon jetzt lockt die enorm wachsende Mittelschicht ausländische Investoren ins Land - aus dem Dienstleister wird ein Industriestandort.

NEU-DELHI. Im Januar 2003 auf dem Genfer Autosalon macht der indische Unternehmer Ratan Tata ein kühnes Versprechen. Er werde ein Auto für zweitausend Dollar bauen, bezahlbar für Millionen seiner Landsleute, kündigt Tata an. Die Fachwelt reagiert amüsiert. Unmöglich, lautet das einhellige Urteil. Kein Hersteller schaffe das, erst Recht keiner aus dem technologisch rückständigen Indien.

Sieben Jahre später ist den Spöttern von damals das Lachen vergangen. Denn Tata hat Wort gehalten. Der "Nano", das billigste Auto aller Zeiten, rollt in Serie vom Band. Er ist ein Symbol für Indiens Aufbruch. Mit Riesenschritten stößt das Land in die Liga der führenden Wirtschaftsmächte vor. Russland hat es bereits hinter sich gelassen. Zum Jahresende wird es voraussichtlich Kanada überholen, prognostiziert der Wirtschaftswissenschaftler Bert Rürup in seiner Länderanalyse für das Handelsblatt. Dann ist Indien die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Gerade die Autoindustrie zeigt, wie stark das Land an Bedeutung gewonnen hat. Aus dem belächelten Außenseiter Tata Motors ist ein ernsthafter Konkurrent geworden. Alle internationalen Massenhersteller drängen mit ähnlichen Geschäftsstrategien nach Indien. Sie bauen dort riesige Werke und entwickeln neue, preisgünstige Einsteigermodelle für die wachsende indische Mittelschicht.

Die Autoindustrie spiegelt Indiens wachsende Bedeutung

Auch die deutsche Autobranche setzt heute voll auf den Subkontinent, nachdem sie sich lange auf China konzentriert hatte. Volkswagen hat zu Jahresbeginn ein hochmodernes Pkw-Werk nahe der westindischen Stadt Pune für 500 Mio. Euro fertiggestellt. Mercedes baut eine riesige Lkw-Fabrik im südlichen Chennai. Die deutschen Zulieferer von Bosch bis ZF Friedrichshafen verstärken ebenfalls ihre Präsenz. Es lockt ein Markt, der von Rekord zu Rekord eilt. Allein im August wurden in Indien 161 000 Pkw verkauft, der 19. Monat in Folge mit steigenden Zulassungszahlen.

Kaum ein Land hat die weltweite Krise des Jahres 2008/09 so glimpflich überstanden wie Indien. Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich zwar, aber es brach nicht ein. Für dieses Jahr erwartet Indien schon wieder einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um mehr als acht Prozent.

Diese beeindruckende Krisenresistenz erklärt sich aus Indiens geringer Abhängigkeit vom Außenhandel. Die Wachstumsdynamik speist sich - anders als in China - hauptsächlich aus der Binnennachfrage. In Indien leben knapp 1,2 Milliarden Menschen. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt zwar nur knapp über 1 000 Dollar, womit Indien hinter der Elfenbeinküste und vor Pakistan auf Platz 144 der Weltrangliste liegt. Doch diese Durchschnittswerte verbergen, dass in Indien eine gut ausgebildete Mittelschicht heranwächst, die mit ihrem Nachholbedarf die Konsumgüternachfrage stimuliert.

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