Länderanalyse
Auf Nigeria lastet der Fluch des Ressourcenreichtums

Für viele Länder kann der Rohstoffreichtum ein Fluch sein. Er kann zum Hemmschuh für eine Politik der Chancengleichheit, für eine Modernisierung der Volkswirtschaft wie auch für die ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit werden. Nigeria ist hierfür ein gutes Beispiel.
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FRANKFURT. Janus, der altrömische Gott des Januars, hatte bekanntlich zwei Gesichter, ein nach hinten schauendes grimmiges und ein optimistisch nach vorn gewandtes. Heute werden solche Personen, Institutionen oder Befunde als janusköpfig bezeichnet, die zwei auf den ersten Blick nicht miteinander vereinbare Eigenschaften haben. Üppige Rohstoffvorkommen eines Landes haben solch ein Janusgesicht. Für die eine Gruppe von Ländern, namentlich solche mit einer geringen Bevölkerungszahl und mit einem stabilen und durchsetzungsstarken Regierungssystem, stellen große Vorkommen an international begehrten Rohstoffen Quellen des Wohlstands für die Staatsbürger dar und sind die Finanzierungsbasis einer wirtschaftlichen Modernisierung. Beispiel sind die Golfstaaten, Botswana oder Norwegen.

Für andere Länder kann der Rohstoffreichtum ein Fluch sein und zum Hemmschuh für eine Politik der Chancengleichheit, für eine Modernisierung der Volkswirtschaft wie auch für die ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit werden. Nigeria ist ein Beispiel für so ein Land.

Dieses Land verfügt über die größten Erdöl- und Erdgasvorkommen Afrikas und zählt weltweit zu den größten Exporteuren dieser Rohstoffe. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs in den letzten Jahren im Durchschnitt um beachtliche sechs Prozent. Nigeria sieht sich als Impulsgeber für die "Vereinten Staaten von Afrika" und reklamiert einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der UN. Gleichzeitig müssen 90 Prozent der fast 160 Millionen Einwohner mit weniger als 2 US-Dollar pro Tag auskommen.

Da die wirtschaftlichen Entscheidungsträger und weite Teile der politischen Elite Nigerias von der Exploration der heimischen Rohstoffe profitieren, hatten und haben sie nur ein geringes Interesse an einer Diversifikation der Wirtschaftsstruktur, sprich an Investitionen in leistungsfähige Industriestrukturen und damit an einer Verringerung der Ölabhängigkeit. Ebenso wird dem Aufbau eines leistungsfähigen Bildungssystems, sozialstaatlichen Einrichtungen oder der Verhinderung von ökologischem Raubbau keine sonderlich hohe Priorität beigemessen. Ein sinnfälliges Beispiel wie der Reichtum dieses Landes vergeudet wird, sind die jährlich aus den sabotierten, angezapften und lecken Pipelines versickernden 40 000 Tonnen Erdöl, was der Menge entspricht, die im März 1989 nach der Havarie der Exxon Valdez an die Küste von Alaska geschwappt ist. Und das Nigerdelta ist seit Jahren eine der ölverseuchtesten Regionen der Welt.

Die unverändert bestehenden scharfen ethnischen Konflikte, namentlich zwischen den christlich-animistischen südlichen Regionen Nigerias und dem moslemischen Norden, verhindern das Entstehen eines Staatsvolks. Ein weiteres Problem ist die unübersichtliche Gemengelage aus der ökonomischen Verwobenheit vieler nationaler Entscheidungsträger mit den ausländischen Explorationsgesellschaften und einer alltäglichen Korruption: Zusammen mit dem bislang noch nicht flächendeckend durchgesetzten staatlichen Gewaltmonopol macht es dies kurz- und mittelfristig unwahrscheinlich, dass es eine Regierung schafft, gesamtwirtschaftliche Entwicklungsziele gegen die dominierenden Partialinteressen durchzusetzen. Solange dies nicht gelingt, wird auf Nigeria der Fluch des Ressourcenreichtums lasten, Janus sein böses Gesicht zeigen und diese Nation das bleiben was sie ist, eine westafrikanische Regionalmacht ohne nachhaltiges Geschäftsmodell.

Kommentare zu " Länderanalyse: Auf Nigeria lastet der Fluch des Ressourcenreichtums"

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  • Guter und sachlicher Beitrag, wenn auch der Kommentar zum Schluss nicht komplett richtig/nachvollziehbar ist:

    Unter der Führung der "Peoples' Democracy Party" seit 1999 geht es mit Nigeria bergauf. Die bisherigen drei Präsidenten verhelfen dem Land zu mehr Transparenz und einer größeren Wirtschaftsdiversität. So wachsen z.B. die IT Branche, das Bauwesen, Telekommunikation und stark die Banken mit zweistelligen Raten, sogar die Landwirtschaft verschreibt mit 7-8% ein hohes Wachstum.

    Vorausgesetzt, der jetzige Präsident wird sich wie sein Vorgänger durchsetzten können oder auch nur akzeptiert werden können, sehe ich in dem Land eine Wirtschaft, welche durchaus nachhaltig sein kann.

    Dennoch, sehr gebündelte und gute Analyse.
    Gruß

  • Damit die Großen Geschäfte machen können, lebt der kleine bürger in Armut, bestellt erdölverseuchte Felder und leidet an Atemwegserkrankungen aufgrund von abgefackeltem Erdgas in seinem unmittelbaren Lebensraum. Traurig ist das

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