Nigeria
Afrikas gefesselter Riese

Nigerias Führung versagt trotz Ölreichtum und auf den ersten Blick ansehnlicher Wachstumsraten bei der Entwicklung des Landes auf ganzer Linie. Die große Mehrheit der Menschen ist extrem arm, die Infrastruktur zerfällt und die Eliten beschäftigen sich vor allem mit dem Kampf ums Öl.

KAPSTADT. In keinem anderen afrikanischen Land klaffen Anspruch und Realität so krass auseinander wie in Nigeria, dem mit rund 150 Mio. Menschen bevölkerungsreichsten Staat des Kontinents. Nur zu gerne greifen seine Politiker immer wieder zu Superlativen, um die vermeintlichen Erfolge des Landes seit der Unabhängigkeit von Großbritannien vor 50 Jahren in schillernden Farben zu malen. Bereits 1979 verkündete der damalige Staatschef General Obasanjo, Nigeria werde zur Jahrtausendwende zu den zehn führenden Nationen der Welt zählen. Tatsächlich spielt das Land bis heute in der Abstiegszone.

Damals konnte Obasanjo nicht ahnen, dass er selbst 20 Jahre später, zur Jahrtausendwende, erneut Präsident des Landes sein würde (diesmal allerdings in einer Wahl durch das Volk). Offenbar wollte er nun das Versäumte mit Gewalt nachholen: 2003 verstieg sich die von ihm geführte Regierung zu einem Raumfahrtprogramm, das Nigeria aus seiner jahrzehntelangen Stagnation in die Moderne katapultieren sollte. Angesichts der ökonomischen Befindlichkeit mute der Anspruch Nigerias wie Hybris an, sich als ein Impulsgeber für den ganzen Kontinent zu verstehen, resümiert Ökonom Bert Rürup, Vorstandsmitglied des Beratungs- und Analysehauses Maschmeyer Rürup AG in seiner Länderanalyse für das Handelsblatt.

Die wirtschaftlichen Zahlen belegen diese Selbstüberschätzung: Auf der einen Seite ist Nigeria mit 2,2 Mio. Barrel am Tag der weltweit achtgrößte Ölproduzent und scheffelt jährlich Milliarden an Petrodollars. Auf der anderen befinden sich seine Raffinerien in einem derart maroden Zustand, dass das Land auf Benzineinfuhren angewiesen ist. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 60 Prozent der Erdöleinnahmen in privaten Taschen verschwinden - Hunderte von Milliarden Dollar seit der Unabhängigkeit.

Ebenso ernüchternd ist, dass der selbst ernannte afrikanische Wirtschaftsriese mit einem nominalen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 1 100 US-Dollar weltweit nur auf Platz 134 rangiert - noch hinter seinem bitterarmen Nachbarn Kamerun und noch unter dem afrikanischen Durchschnitt! Die Lebenserwartung ist auf 49 Jahre gesunken, die Infrastruktur ein Desaster, Stromausfälle an der Tagesordnung. Mit einer gesamtwirtschaftlichen Leistung 2009 von knapp 170 Mrd. Dollar liegt Nigeria weltweit an 45. Stelle hinter dem Zwergstaat Singapur mit seinen nur 4 Mio. Menschen und vor Pakistan, sagt Rürup. Immerhin werde es damit allerdings in Afrika nur von Südafrika und Ägypten übertroffen.

Die politischen und wirtschaftlichen Eliten streiten um den Zugriff auf die Öleinnahmen

Politisch ist die Lage kaum weniger prekär. Gegenwärtig wird die drittgrößte Volkswirtschaft Afrikas gleich von einer Vielzahl an Krisen geschüttelt: Sie reichen von Unruhen im ölreichen Nigerdelta über religiös motivierte Massaker zwischen Muslims und Christen im zentralen Hochland bis hin zum zermürbenden Machtkampf an der Staatsspitze. Durch das Fehlen einer Ordnungsmacht „gelingt es in diesem Land nicht die üppigen Bodenschätze im Interesse einer Fortentwicklung und Modernisierung der Wirtschaftsstrukturen zu nutzen“, schreibt das Rürup-Team.

Die monatelange Abwesenheit des muslimischen Staatschefs Yar´Adua und sein Tod im Mai 2010 haben zu starken Spannungen innerhalb des Regimes geführt und bereits lange vor der nun wohl für April 2011 geplanten Wahl die Nachfolgefrage aufgeworfen. Bei dem internen Streit geht es vor allem darum, welche Gruppe Zugriff auf die Erdölgelder behält, die rund 80 Prozent der nigerianischen Staatseinnahmen und 90 Prozent der Exporterlöse des Landes ausmachen. „Gegenwärtig werden die Bodenschätze ganz überwiegend von kleinen einflussreichen Eliten ausgebeutet, ohne dass die Erlöse daraus in Investitionen zum Aufbau industrieller Strukturen fließen oder die völlig unzureichende Infrastruktur ausgebaut wird“, konstatiert Rürup. Hinzu kommt nach seiner Einschätzung , dass durch die Fokussierung des nigerianischen Außenhandels auf den Import von Fertigwaren und den Export von Rohstoffen eine eigenständige Industrialisierung stark gehemmt wird.

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