Pekings Mittelklasse
Der chinesische Traum vom Glück

Das Leben im modernen Peking ist hart. Doch die Menschen glauben, dass es weiter aufwärts geht. Ihre Mühe wird sich lohnen. Vor allem die wohlhabende Mittelklasse lebt den gemäßigten Luxus der jungen Städter vor – so wie der Immobilienmakler Wang Jian.
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Ganz besonders stolz ist Wang Jian ausgerechnet auf einen Satz in einem einen amerikanischen Film. In dem Katastrophenspektakel „2012“ sagt ein Mitglied der US-Regierung bewundernd: „Überlasst es getrost den Chinesen! Ich hätte nie gedacht, dass das in dieser kurzen Zeit möglich gewesen wäre.“ Er bezieht sich dabei auf den Bau einer weltrettenden Arche, also etwas, dass sonst in solchen Filmen die Amerikaner selbst zu erledigen pflegen. Wang zitiert den Satz wörtlich auf Englisch und ergänzt: „Es ist wahr. So schnell wie wir baut keiner.“

Wang war zwar noch nie im Ausland, aber er kennt sich aus in der Welt. Erst 27 Jahre alt, arbeitet er als bei einer Immobilienfirma in Peking und hat eine 33-jährige Freundin aus der Werbebranche. Wang ist mit 1,90 Metern sehr groß für einen Chinesen und bringt noch weitere entscheidende Karrieretreiber mit: Er tritt mit gesundem Selbstbewusstsein auf, kann gut Englisch und versteht es, geschickt zu verhandeln.

Wohnraum ist in den Boom-Regionen extrem teuer

Wang ist zwar nach den Werten der chinesischen Gesellschaft überdurchschnittlich erfolgreich, im Kern aber typisch für Chinas wohlhabende Mittelklasse. Jetzt im November trägt er einen edlen weißen Pullover von einer italienischen Marke, als er auf dem Weg zu einem Kunden in seinem neuen Honda steigt. Ein Hybridauto hat er sich geleistet – „das sieht cooler aus“, und für die Umwelt sei es ebenfalls gut. „Ein Auto, das kostet doch nichts“, gibt er an. „Was wirklich teuer ist in Peking, ist eine Wohnung. Aber die habe ich auch schon.“

Die nächste Anschaffung ist auch schon geplant. Ein Stadtgeländewagen von BMW soll es sein.

Junge Europäer dieser Generation können solchen Sprüchen nur neidisch zuhören. Eine reine Konsumausgabe wie ein Auto, das in der Großstadt doch nur ständig im Stau steht? Dafür reicht in den meisten alten Industrieländern derzeit das Vertrauen in die Zukunft nicht. Ganz anders die Chinesen: Einer Umfrage der Economist Intelligence Unit im Auftrag des Bayer-Konzerns zufolge sehen 90 Prozent von ihnen ihre Zukunft optimistisch. Sie erwarten, dass es für sie und ihre Kinder aufwärts geht.

Zwar mäkelt die Mittelklasse geschlossen über steigende Preise und moniert ungeduldig, dass es nicht noch viel schneller vorangeht. Zugleich antwortet aber eine Mehrheit der Städter, dass sie bereits alles haben, was sie sich vom Leben erträumt haben. Sie wünschen sich nur noch eins: weniger Stress und mehr Zeit.

Das Rattenrennen um die besten Jobs und die besten Ausbildungschancen spielt die Menschen gnadenlos gegeneinander aus. Nur noch auf dem Papier ist China kommunistisch. Denn tatsächlich regiert harte Konkurrenz alle Lebensbereiche.

Aber die Mühe lohnt sich: „Im Immobiliengeschäft habe ich glänzende Aussichten“, sagt Wang – und durch die Ernsthaftigkeit seiner Sprechweise klingt das gar nicht wie Angabe, sondern einfach wie eine Tatsache. „Alle wollen nach Peking ziehen. Der Markt kann nur wachsen.“

Paradiesisch ist Leben in Chinas Großstädten jedoch keineswegs. Die Luft ist an manchen Tagen giftig und das Wasser ist selbst als Tee nicht zum Trinken zu empfehlen – es enthält Blei. Zudem verunsichern immer neue Lebensmittelskandale die Verbraucher. Und die Straßen sind ständig verstopft; Menschenmassen ballen sich praktisch überall. In China wartet auch niemand brav in der Schlage, alle drängeln immer gleich ganz noch vorne. Wenn Chinesen nach Deutschland kommen, fragen sie oft erstaunt: „Wo sind denn bei Euch die Menschen?“, weil ihnen die Städte so leer vorkommen.

Wegen des schnellen Zuzugs vom Lande sind auch Servicekräfte wie Kellner oder Handwerker schlecht ausgebildet und reagieren auf Klagen in der Regel pampig. Das alles macht den Alltag sehr mühsam.

Dazu kommen die extremen sozialen Unterschiede. Während die Erfolgreichen im BMW herumkutschieren, obwohl sie noch blutjung sind, schuften sich ältere Männer mit faltig gegerbten Gesichtern auf den Baustellen buchstäblich zu Tode oder wühlen nach Brauchbarem im Müll.

Auch der Ausländer erlebt in China ständig Extreme. So sind Chinesen beispielsweise unwahrscheinlich gastfreundlich und würden nie einen Fremden die Rechnung bezahlten lassen. Zugleich werden Reisende ständig Opfer von Abzocke wie überhöhten Restaurantpreisen.

Chinas Aufstieg basiert auf den Entbehrungen der Massen

Chinesen sind auch Extremsparer. Sie haben das Motto „Geiz ist Geil“ noch weit mehr verinnerlicht als die Deutschen. Das erklärt das Phänomen, dass ein Schwellenland zugleich mehr spart als anderen, nebenbei den Schuldenberg der USA finanziert und den deutschen Unternehmen durch seinen hohen Konsum Rekordgewinne beschert.

Wang Jian und seine Freundin haben sich zwar die Wohnung und den Honda geleistet. Sie genießen das Leben aber sonst kaum. Urlaubsreisen sind undenkbar, und im Alltag gehen sie nicht teuer aus.

Der junge Wang schätzt sich jedoch definitiv glücklich. Er hat praktisch alle Hürden überwunden, die zwischen einem Chinesen und seinem Glück stehen. Mit dem Statussymbol Auto, der Wohnung, der heiratswilligen Freundin mit Kinderwunsch hat er das, was Chinesen Anfang 20 gemeinhin als ihre Wünsche und Träume bezeichnen. Nur wenige schaffen es so schnell und glatt.

Doch das hält das Milliardenvolk hungrig. Die gesamt Bevölkerung arbeitet hart daran, die allgegenwärtigen Chancen zu nutzen – sie schuften in Fabriken, mühen sich für die Uni ab und sparen jeden Cent für ein besseres Leben. Auf ihren Entbehrungen basiert Chinas Aufstieg.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

Kommentare zu " Pekings Mittelklasse: Der chinesische Traum vom Glück"

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  • Danke für diesen inhaltlosen Artikel. Noch mehr hohle Floskeln und sie können direkt vom chin. Propagandaministerium abschreiben.

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