Schwellenländer
Der Fluch des unerwünschten Kapitalzuflusses

Derzeit haben die Schwellenländer stark mit der Dollarflut zu kämpfen. Das Resultat: Exporthilfen, Quellensteuern und ähnliche Kapitalverkehrskontrollen. Wie Brasilien, Südostasien, Indien und Südkorea versuchen, ihre Wirtschaften zu verteidigen.
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>>Brasilien Zweimal hat Brasilien im Oktober die Steuern auf Auslandskapital erhöht. Doch genützt hat es wenig: Im Oktober flossen rekordverdächtige sieben Mrd. Dollar nach Brasilien. Das meiste davon ist Geld von Anlegern, die von den hohen Zinsen am Zuckerhut profitieren wollen; der Leitzins steht derzeit bei 10,75 Prozent. Hinzu kommt, dass die weltweite Rohstoff-Hausse die Deviseneinnahmen steigen lässt. Schon bald könnte Brasilien auf den viertgrößten Devisenreserven weltweit sitzen. Ökonomen erwarten daher, dass eine weitere Aufwertung des Reals unvermeidlich sein wird. Zwar dürfte die Regierung versuchen gegenzuhalten, etwa durch nach Verweildauer des Kapitals in Brasilien gestaffelte Finanztransaktionssteuern oder Exporthilfen für die unter dem starken Real leidende Industrie. Doch eine künstliche Abwertung lehnt die designierte Präsidentin Dilma Rousseff ab. "Die Wechselkurse bleiben frei."

>>Südostasien Auch in den einstigen Tigerstaaten kämpfen die Regierungen mit der Dollarflut. Thailand erhebt neuerdings auf ausländische Käufe von Staatsanleihen eine Quellensteuer von 15 Prozent. Malaysias Zentralbank beschloss, dass Hypothekenkredite nur bis zu maximal 70 Prozent des Immobilienwerts vergeben werden dürfen. Damit sollen spekulative Immobiliengeschäfte eingedämmt werden; üblicherweise werden in Malaysia Hypothekenkredite von bis zu 90 Prozent des Objektwerts vergeben. Die indonesische Zentralbank erwägt, die bisherigen Kapitalverkehrskontrollen zu verschärfen und die Mindesthaltefrist für Staatsanleihen von einem auf drei Monate zu verlängern. Für Termingeld könnte die Frist von zwei auf zwölf Monate ausgedehnt werden. Die indonesische Rupie hat gegenüber dem Dollar seit Anfang 2009 um 25 Prozent aufgewertet und ist damit Spitzenreiter in Asien.

>>Indien

Anders als die einstigen Tiger-Staaten will die Regierung in Neu Delhi von Kapitalverkehrskontrollen nichts wissen. "Wir beobachten die Zuflüsse ausländischen Kapitals, aber ich glaube nicht, dass es der richtige Zeitpunkt ist, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen", sagte Finanzminister Pranab Mukherjee. Seit Januar sind rund 20 Mrd. Dollar ins Land geströmt, angezogen von dem hohen Wachstum. Die Börse notiert nur knapp unter ihrem Allzeithoch von Anfang 2008. Ökonomen beobachten das wachsende Zahlungsbilanzdefizit mit Sorge. Dennoch sieht die Regierung keinen akuten Handlungsbedarf wegen der Rupiestärke. Chinas unterbewerteter Yuan kommt Indien sogar entgegen. Hintergrund ist das hohe Handelsbilanzdefizit mit China. Würde der Yuan aufgewertet, dann wären die Importe aus China deutlich teurer. Indiens Wirtschaft hängt stark von der Einfuhr chinesischer Investitionsgüter wie Kraftwerksausrüstung und Mobilfunktechnologie ab, um die gewaltigen Infrastrukturmängel zu beheben. Zudem fürchtet die Regierung, dass steigende Preise chinesischer Importe die ohnehin hohe Inflation weiter anheizen.

>>Südkorea Notenbankchef Kim Choong-soo hat zur Verteidigung des Wons aufgerufen. "Wir sollten Wege finden, den exzessiven Fluss von ausländischen Investitionen abzuschwächen", heißt es in einem Statement der Bank von Korea. Welche Gegenmaßnahmen die Notenbank ergreifen werde, spezifizierte Kim Choong-soo allerdings nicht. Es gibt aber Stimmen, die eine Wiedereinführung der Quellensteuer auf Staatsanleihen befürworten. Bei der Finanzaufsicht heißt es, es sei noch nicht entschieden, ob und welche Regeln man einführen wolle.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
Helmut Hauschild
Helmut Hauschild
Handelsblatt / Korrespondent

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