Südafrika
Am Kap der enttäuschten Hoffnung

Die Fußball-Weltmeisterschaft sollte Südafrika einen wirtschaftlichen Schub verleihen. Geholfen hat das Turnier aber allenfalls kurzfristig. Auf lange Sicht bremsen eine Arbeitslosigkeit von inoffiziell rund 40 Prozent, Verstaatlichungsdebatten, Korruption und exzessive Lohnerhöhungen die größte Volkswirtschaft Afrikas.
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KAPSTADT. Zwischen dem Kap der guten Hoffnung und dem Krüger-Nationalpark liegt ein Touristenmagnet: Südafrikas Wildreservate, Strände, Golfplätze und Weingüter zählen zu den schönsten der Welt. Das Land hat die tiefsten Gold- und Platinminen,ein modernes Bank- und Finanzwesen, hervorragend gemanagte Großkonzerne, ein gut ausgebautes Straßen- und Flugnetz, seit der Fußball-Weltmeisterschaft den ersten Schnellzug des Kontinents und Stadien, die zu den elegantesten der Welt zählen.

Südafrika ist das offenste und demokratischste Land in der Region, das einzige afrikanische Mitglied der G 20 - und mit rund 40 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts Schwarzafrikas auch mit weitem Abstand die größte Volkswirtschaft Afrikas. "Als eines der bevölkerungsreichsten wie flächenmäßig größten Länder Afrikas hat das Land in den letzten Jahren einen deutlichen Aufschwung erlebt und ist in den zurückliegenden zehn Jahren mit rund vier Prozent kräftig gewachsen", resümiert Ökonom Bert Rürup, Vorstandsmitglied des Beratungs- und Analysehauses Maschmeyer Rürup AG, in seiner Länderanalyse für das Handelsblatt. Bedeutsam für die wirtschaftliche Entwicklung sind aus seiner Sicht die stabilen und demokratischen Grundsätze. Weltweit liege der Staat gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) vor Thailand und hinter Argentinien und wirke als dynamisch wachsender Entwicklungsmotor für die Region südlich der Sahara. "Wohl auch deshalb fand hier erstmals auf afrikanischem Boden eine Fußballweltmeisterschaft statt", so Rürup.

Doch hinter der glitzernden Außenhaut verbergen sich enorme soziale Gegensätze und tiefe strukturelle Probleme, die sich seit Jahren verschärfen. Südafrika hat die mit Abstand höchste Arbeitslosenzahl aller Schwellenländer. Einer von acht Südafrikanern ist mit dem Aids-Virus infiziert. Seine Staatshospitäler sind vom eigenen Gesundheitsminister als "lebensgefährlich" bezeichnet worden. Und 80 Prozent der staatlichen Schulen gelten als schwer funktionsgestört.

Die Korruption und Vetternwirtschaft hat den öffentlichen Dienst durchdrungen, die Straßeninfrastruktur ist unter Druck. Die umstrittene Regierungspolitik des Black Empowerment, also die Förderung von Schwarzen durch Quoten und Gesetze, hat zwar eine kleine schwarze Mittelklasse geschaffen, aber die Ungleichheit weiter verschärft. Noch immer leben rund 43 Prozent der fast 50 Mio. Südafrikaner von weniger als zwei Dollar am Tag - mehr als am Ende der Apartheid vor 16 Jahren. Die Einkommens- und Vermögensverteilung, sagt Rürup, sei nach wie vor deutlich ungleicher als in westlichen Gesellschaften.

Hinter der scheinbaren Modernität Südafrikas verbirgt sich ein Entwicklungsland mittleren Einkommens, das auf absehbare Zeit keinerlei Aussicht hat, in den Kreis der BRIC-Staaten aufzusteigen. Obwohl seine Wirtschaft gemessen am BIP weltweit auf Platz 24 liegt, rangiert das Land auf dem Uno Human Development-Index, der die Lebensqualität misst, unter 182 Staaten gerade einmal auf Rang 129. Die Lebenserwartung ist wegen der Aids-Epidemie in letzten Jahren kontinuierlich auf 49 Jahre gefallen.

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  • Sehr geehrter Herr Drechsler, der Artikel hat mir sehr gefallen und entspricht den Tatsachen. Grosse Verlierer sind die armen Menschen in Südafrika, besonders kindereiche Familien. Die Lebenshaltungskosten selbst für den Mittelstand sind durch die WM sehr hoch geworden und nicht mehr tragbar! Nur durch die Steuerschraube wurde die WM bezahlt. Da mir ihre Artikel nicht immer gefallen haben, muss ich ihnen diesmal ein Lob aussprechen! Viele Grüsse aus Kapstadt Ulrike Leugering

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