Längerfristige Inflationsgefahren
Geldmengen-Wachstum beschleunigt wie noch nie

Die Wirtschaft der Euro-Zone hat sich vor Beginn der Bankenkrise mit reichlich Geld versorgt. Das für die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank wichtige Wachstum der Geldmenge M3 beschleunigte sich im Juli so stark wie noch nie.

HB FRANKFURT. Mit 11,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gab es den höchsten Zuwachs seit Beginn der Berechnung 1981, wie die EZB am Dienstag in Frankfurt mitteilte. Die übermäßige Geldversorgung der Wirtschaft weist der EZB zufolge auf längerfristige Inflationsgefahren hin.

Bei der Zinsentscheidung am 6. September dürften dies nach Einschätzung von Experten aber nur eine untergeordnete Rolle spielen. „Für die EZB ist entscheidend, wie sich die Situation an den Finanzmärkten zu diesem Zeitpunkt darstellen wird“, sagte Michael Schubert von der Commerzbank. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte bereits angedeutet, auf den Zinsschritt wenn nötig zu verzichten. „Wir werden die Risiken abschätzen (...) und zu dem Zeitpunkt die geeigneten Schritte tun“, sagte Trichet am Montag in Budapest. Im August hatte er noch betont, die Preisentwicklung mit „großer Wachsamkeit“ zu verfolgen. Damit kündigt die EZB in der Regel eine Zinserhöhung für den nächsten Monat an. Diese geldpolitische Einschätzung sei noch vor Beginn der Marktturbulenzen geäußert worden, betonte Trichet nun.

Die Zentralbank hatte seit Ende 2005 auch wegen des starken Wachstums der Geldmenge den Satz für ihre Kredite an Geschäftsbanken von zwei auf vier Prozent verdoppelt.

Die US-Immobilienkrise hatte im August die Sorge vor einer Kreditklemme aufkommen lassen, weil sich die Banken untereinander kaum noch Geld leihen wollten. Davon war im Juli noch nichts zu spüren. Die Vergabe von Buchkrediten an den privaten Sektor beschleunigte sich auf 10,9 Prozent. Dabei verzeichneten Unternehmen mit 13,6 Prozent ein besonders kräftiges Wachstum. Wegen der Bankenkrise dürften in den kommenden Monaten aber weniger Kredite bereitgestellt werden, sagte Stuart Bennett von Calyon.

Im Dreimonatsdurchschnitt (Mai bis Juli) wuchs die Geldmenge mit einer Jahresrate von 11,1 Prozent nach 10,6 Prozent im vorangegangenen Dreimonatszeitraum. M3 umfasst unter anderem Bargeld, Einlagen auf Girokonten, kurzfristige Geldmarktpapiere sowie Schuldverschreibungen bis zu zwei Jahren Laufzeit. Das Geldmengenwachstum liegt seit sechs Jahren über dem Referenzwert von 4,5 Prozent, bis zu dem die Geldversorgung nach EZB-Einschätzung nicht zu einem stärkeren Preisanstieg führt. In und außerhalb der Notenbank wird bezweifelt, dass die Messlatte angesichts vieler Neuerungen an den Finanzmärkten noch gilt.

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