Lagarde wird IWF-Chefin
IWF-Chefin fordert von Griechenland Einigkeit

Kaum ist Christine Lagarde zur IWF-Chefin gekürt worden, erhöht sie den Druck auf die griechische Opposition. Die Französin fordert deren Zustimmung zum Sparpaket - und warnt vor den Konsequenzen einer Ablehnung.
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Paris/WashingtonDie französische Finanzministerin Christine Lagarde rückt als erste Frau an die Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF). Der Verwaltungsrat der Institution entschied sich am Dienstag für die 55-Jährige, wie der IWF in Washington mitteilte. Lagarde wird Nachfolgerin von Dominique Strauss-Kahn, der Mitte Mai wegen Vergewaltigungsvorwürfen festgenommen wurde. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zeigte sich in einer ersten Reaktion sehr erfreut über ihre Ernennung: „Das ist eine hervorragende Wahl“.

Nur wenige Minuten nach ihrer Ernennung hat Lagarde die griechische Opposition zum Schulterschluss mit der Regierung aufgefordert. Die derzeitige französische Finanz- und Wirtschaftsministerin sagte, die Opposition müsse die Regierungspartei in einem Geiste der nationalen Einheit unterstützen. Das griechische Parlament soll am Mittwoch und Donnerstag über das neue Sparpaket der Regierung abstimmen. Die Verabschiedung der von Ministerpräsident Giorgos Papandreou geplanten Leistungskürzungen, Steuererhöhungen und Privatisierungen ist Voraussetzung für weitere Milliarden-Hilfen von Europäischer Union und IWF. Eine Ablehnung könnte an den Finanzmärkten heftige Turbulenzen auslösen.

Die designierte IWF-Chefin Christine Lagarde hat nach ihrer Wahl bekräftigt, alle Länder in der Organisation gleich behandeln zu wollen. „Ich werde es zu meinem übergeordneten Ziel machen, dass unsere Institution weiter allen Mitglieder mit der selben Aufmerksamkeit und in dem selben Geist dient“, sagte die 55-Jährige laut einer Mitteilung des Währungsfonds.

Sie hatte schon während ihrer Vorstellung beim Exekutivrat des Fonds deutlich gemacht, sich für die Belange der Schwellenländer besonders stark machen zu wollen. Arme und aufstrebende Nationen befürchten, sie könnte sich als Französin vor allem um die Probleme Europas kümmern.  

Lagarde bedankte sich nach der Abstimmung zu ihren Gunsten auch für das Vertrauen der IWF-Mitglieder aus aller Welt, die sie einstimmig für die kommenden fünf Jahre zur Geschäftsführenden Direktorin ernannt haben. Ihrem unterlegenen Mitbewerber, dem mexikanischen Notenbankchef Agustín Carstens, sprach sie Respekt aus.

Carstens gratulierte seiner Konkurrentin Lagarde. Er begrüße ihre Wahl und werde die Französin unterstützen, teilte Carstens in einer Stellungnahme mit. Er hoffe, Lagarde werde an der Spitze des IWF einen „Prozess zur Stärkung der Institution“ anstoßen, hieß es in dem Schreiben weiter. Carstens war bei der Wahl zum geschäftsführenden IWF-Direktor der einzige Konkurrent der französischen Finanzministerin.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hat die die Nominierung Lagardes als neue IWF-Chefin positiv bewertet. In einer Mitteilung lobte Barroso am Dienstagabend die „Expertise, Erfahrung und das Talent“ Lagardes. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die EU-Kommission hätten in den vergangenen Monaten Tag für Tag zusammengearbeitet, um den Euro-Staaten mit Schwierigkeiten zu helfen. „Ich wünsche mir, diese engen Beziehungen und die Kooperation zu verstärken“, sagte Barroso.

Die Entscheidung im Rennen um den Chefposten war bereits am Nachmittag so gut wie gefallen, als die USA ihre Unterstützung für die französische Finanzministerin erklärten. Die Vereinigten Staaten haben das größte Stimmgewicht innerhalb des Fonds - und teilen die Spitzenposten beim IWF und der Weltbank schon immer unter sich aus. Die Europäer hatten sich bereits zuvor für Lagarde ausgesprochen, ebenso wie China als dem stärksten Vertreter der Schwellenländer.

Die internationale Erfahrung hatte von Anfang für die 55-jährige Lagarde gesprochen - doch lag auch gerade hier ihr Schwachpunkt: als eine der wichtigsten Finanzministerin der Eurozone ist sie maßgeblich an der Euro-Rettung beteiligt. Kritiker weisen daher auf einen potenziellen Interessenkonflikt hin. Dies war eines der Hauptargumente ihres Gegenkandidaten, dem Mexikaner Agustin Carstens.

Diese Kritik auszuräumen, war eines der Hauptanliegen Lagardes, als sie vergangene Woche drei Stunden lang von der IWF-Führung angehört wurde. "Damit das klar ist" erklärte sie kämpferisch, "wenn ich gewählt bin, denn werde ich nur eine Sache im Kopf haben, wenn es darum geht, einem Mitglied der Eurozone zu helfen; dass diese Hilfe vollständig im Einklang mit den Aufgaben des Fonds steht und dass dabei die Mittel des Fonds mit Vorsicht eingesetzt werden", erklärte sie in Washington. "Ich bin nicht hier, um die Interessen einer bestimmten Region zu vertreten, sondern aller Mitgliedsstaaten", fügte sie an.

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  • Der IWF-Posten geht also an Sarkozys heimlichen Star Christine Lagarde

    "Sie hatte schon während ihrer Vorstellung beim Exekutivrat des Fonds deutlich gemacht, sich für die Belange der Schwellenländer besonders stark machen zu wollen. Arme und aufstrebende Nationen befürchten, sie könnte sich als Französin vor allem um die Probleme Europas kümmern", heißt es hier.

    Wahrscheinlich eine berechtigte Sorge- aber was Europa betrifft - keine Angst- da wird sie sich vorrangig für Frankreich bemühen bzw. für Nationen, die für ihr Land einen direkten Nutzen bringen.

    Die Vereinigten Staaten haben zwar das größte Stimmgewicht innerhalb des Fonds - und teilen die Spitzenposten beim IWF und der Weltbank schon immer unter sich aus, aber
    naheliegen für die USA könnten die Beziehungen Frankreichs zu den Mittelmeerländern sein. Für USA ist es wichtig, dass sich dort kein neuer "Kriegsherd" bilden kann. Sarkozy ist da zur Zeit der beste "Strippenzieher" für eine solche Aufgabe, denn er wollte ja schon immer innerhalb der EU so etwas wie eine Mittelmeer-connection gründen.

    .

  • Dachten Sie da an Einigkeit allá praktizierter Parteien-Disziplin wie in Deutschland? Wo wichtige Abstimmungen vorher (ein-)geübt werden dürfen? Die freie Meinung der Abgeordneten / Volksvertreter längst der Parteien-Disziplin gewichen ist? Und das auch noch zwischen griechischer Regierung und Opposition? Und wer vertritt zwischenzeitlich das Volk bei dieser ach so „demokratisch“ herbeigeführten Einigkeit?

    Der IWF hat bereits vor 1 Jahr das Kaputtsparen Griechenlands für seinen Einsatz gefordert. Der "Erfolg" der Aktion ist dem griechischen Volk inzwischen im Alltag deutlich spür- und sichtbar. Und trotzdem verfolgt man den Irrweg zu Lasten des griechischen Volkes hartnäckig weiter? Töricht, Irrläufer? Die Rendite, der Nutzen für den IWF?

    Der IWF hat nicht das erste Mal Länder inkl. Bevölkerungen in die Depression gespart, s. Indonesien, Argentinien, einfach 'mal selber goggeln. Moderne Landeroberung mit finanziellen Mitteln. Erzwingen der "Privatisierung" von Volkseigentum, Auslieferung an unregulierte, im Jahre 3 der Krise immer noch wild wuchernde „Märkte" zu Gunsten einiger Weniger.

    Meine Solidarität gilt dem griechischen Volk. Die meiner meisten Bekannten und Verwandten inzwischen übrigens ebenfalls. Auch wenn das in die deutsche Presse keinen Einlass findet. Die Profiteure des Systems stützen sich nämlich rege gegenseitig (in ihrer Verzweiflung inzwischen deutlich zu Tage tretend) - mit all' UNSEREN Mitteln. Länder übergreifend und vereinnahmend. Die Antwort der so geplünderten Bevölkerungen kann deshalb auch nur international übergreifend Erfolg versprechend sein.

  • "IWF-Chefin fordert von Griechenland Einigkeit"

    Wie bei dieser Dame zu befürchten war: weltfremd die Forderung. Das beim derzeitigen Zustand des griechischen Staates, griechischer Wirtschafts-Entwicklung? Die der IWF (ähnlich Indonesien, Argentinien) mit seinen maßlosen Sparanforderungen nicht ganz unerheblich mit verursacht hat? Eine Zumutung für die Griechen, die auf das globale Casino keinen Einfluss hatten / ausüben konnten / durften!

    Griechenland, sowie alle verschuldeten Staaten müssen krampfhaft klein gerechnete, hinterzogene Steuern eintreiben, Vermögen und Finanz"werte" angemessen besteuern, Subventionen auch an Big Player allerorten stutzen, Einnahmen erhöhen. Mit Sparen bei immer geringer verdienenden, mit immer höheren mit Abgaben und Steuern belasteten, künftig noch arbeitenden dürfenden Menschen alleine ist diese Misere nicht mehr zu stemmen. Und dieses System auch nicht länger weiter zu betreiben.

    ALLE Mitverursacher und massiven Profiteure - gerade der letzten 10 Jahre - müssen jetzt zur Kasse gebeten werden. Das Weiterspiel erfordert eben nun auch von diesen Beteiligten persönlichen finanziellen Einsatz, sorry. Auch wenn man das viel zu lange, viel zu gerne "vergessen" hat.

    Nach 3 Jahren Krise ohne absehbares Ende drängt sich mir als Bürge inzwischen massiv die Frage auf: Was ist den globalen Spielern (Exporteuren, Banken, Politik, Aktionären) der Erhalt IHRES Systems denn so an EIGENEM Einsatz wert?

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