Leitzinsentscheidung
Lob und Kritik für EZB nach Mini-Zinsschritt

Die Europäische Zentralbank (EZB) erntet für ihre vorsichtige Zinspolitik Kritik von allen Seiten. Die EZB nehme in Kauf, dass sich die Krise weiter verschärfe, klagte der DGB. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sprach dagegen von einer besonnenen Entscheidung. Und auch IW-Chef Hüther lobte das verantwortliche Handeln der Notenbanker. Derweil deutete EZB-Chef Trichet weitere „moderate“ Zinsschritte an.

dne/HB FRANKFURT/MAIN/DÜSSELDORF. Sehr unterschiedlich haben Konjunkturexperten auf die sechste Zinssenkung im Euro-Raum reagiert. „Es ist unverantwortlich, in der jetzigen Situation die Zinsen nicht radikal zu senken“, sagte DGB-Chefvolkswirt Dierk Hirschel am der Nachrichtenagentur Reuters. Die EZB nehme in Kauf, dass sich die Krise dadurch weiter verschärfe. „Sie gefährdet damit Arbeitsplätze und riskiert weitere Unternehmenspleiten.“

Dagegen nahm das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die EZB in Schutz. "Insgesamt ist das ein besonnener Schritt, der Beruhigung und Hoffnung stiften sollte", sagte DIW-Präsident Klaus Zimmermann am Donnerstag im Gespräch mit Handelsblatt.com mit Blick auf den zaghaften Zinsschritt. Die Kritik des DGB wies er scharf zurück. "Befürchtungen, das hätte negative Effekte auf die Beschäftigung sind deshalb an den Haaren herbei gezogen", sagte er.

Lob für die EZB kam auch vom Chef des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther. "Die EZB handelt durchaus verantwortlich, weil es mehr auf die psychologische Wirkung ankommt“, sagte Hüther Handelsblatt.com. "Entscheidend ist die Genesung des Bankensektors aus sich heraus, da hilft ein geringerer Zins viel weniger als eine Bereinigung der Aktivseite der Bankbilanz über eine Bad Bank.“ Hüther warnte, wer das verhindere, "der trägt die Verantwortung an stärkeren realwirtschaftlichen Folgen, weil dann der Finanzierungskreislauf gelähmt bleibt".

DIW-Chef Zimmermann versteht die Mini-Zinssenkung als Einschätzung, dass die konjunkturelle Bodenbildung bald erfolge. "Es entspricht auch der Absicht der Notenbank, sich ihr geldpolitisches Instrumentarium nicht aus der Hand schlagen zu lassen", sagte der Ökonom und fügte hinzu: "Die Kreditversorgung der Wirtschaft hängt derzeit nicht an diesem Schritt."

Die Notenbanken in den USA, Japan und Großbritannien hatten ihre Zinsen schneller und kräftiger Richtung null Prozent gesenkt. Die EZB nahm ihren Leitzins dagegen nur von 1,5 auf 1,25 Prozent zurück - Finanzexperten hatten mit 1,0 Prozent gerechnet. Auch bei vielen Analysten kam die Entscheidung nicht gut an. Sie sei „suboptimal“, sagte der Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland, Jacques Cailloux.

Der Bundesverband Öffentlicher Banken kritisierte die Zinspolitik als „zu defensiv“. Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken sieht das ähnlich: „Der heftige konjunkturelle Abschwung und der geringe Preisauftrieb hätten einen größeren Zinsschritt gerechtfertigt.“ Verständnis äußerten dagegen die privaten Banken. Die EZB beweise „geldpolitisches Augenmaß“, sagte das Vorstandsmitglied des Bundesverbandes deutscher Banken, Manfred Weber.

Seite 1:

Lob und Kritik für EZB nach Mini-Zinsschritt

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%