Leitzinsentwicklung
EZB nabelt sich von der Fed ab

Bisher hat die Europäische Zentralbank immer – mit einer gewissen Verzögerung – die Vorgaben der US-Notenbank nachvollzogen. Nun jedoch erwarten die Finanzmärkte das Gegenteil: Erstmals seit sieben Jahren gehen sie davon aus, dass sich die EZB von ihrer großen Schwester in den USA abkoppelt.

FRANKFURT. Den Markterwartungen zufolge wird die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) wegen der sich abschwächenden US-Konjunktur zwischen Ende Mai und Anfang September ihren Leitzins senken, während die EZB ihren Leitzins im Juni oder August noch einmal anheben wird. Entsprechende Erwartungen lassen sich aus den Kursen von Zinstermingeschäften am Geldmarkt ableiten.

Die US-Konjunktur wird vom Ende des langjährigen Booms bei den Immobilienpreisen belastet und hat in den letzten Wochen Schwächesignale ausgesendet. Deshalb erwarten viele Ökonomen, dass die Notenbank der Konjunktur mit Zinssenkungen zu Hilfe kommt. Der Leitzins in den USA beträgt derzeit 5,25 Prozent. Dagegen hat eine Reihe von EZB-Vertretern in den letzten Tagen deutlich gemacht, dass sie in den Leitzins von derzeit 3,75 Prozent im Euro-Raum für zu niedrig halten. Erst am Montag warnte EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi vor bestehenden Inflationsrisiken.

Die EZB ist der Ansicht, dass sich der Konjunkturaufschwung in Europa ungeachtet der Abschwächungstendenzen in den USA fortsetzen wird. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat zur Unterstützung dieser These mehrfach betont, dass die Außenhandelsverflechtungen des Euro-Raums mit Großbritannien wichtiger seien als die mit den USA. Der Chefvolkswirt von Europas größter Bank HSBC, Stephen King, stimmt zu: „Die US-Konjunktur hat keinen großen Einfluss mehr auf den Euro-Raum, weil dieser immer stärker auf die boomenden Schwellenländer ausgerichtet ist". Er verweist darauf, dass die Wachstumsprognosen im Euro-Raum immer höher genommen werden, während sie in den USA gleichzeitig nach unten revidiert werden.

Der Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland, Jacques Calloux widerspricht dagegen. Er hat untersucht, welche Indikatoren vor allem die Kurse am europäischen Anleihemarkt bewegen. Darin spiegelt sich letztlich die Markteinschätzung wider, wovon die Notenbankpolitik abhängt. Auf Rang eins bis vier der wichtigsten Einflussfaktoren finden sich US-Konjunkturdaten. Erst auf Rang fünf kommt der Konjunkturindex des Ifo-Instituts. „Überraschungen beim Einkaufsmanagerindex aus den USA wirken sich über viermal so stark auf den europäischen Anleihemarkt aus, wie der entsprechende europäische Index", stellt Calloux fest. Und dass, obwohl der europäische Index früher veröffentlicht wird. Calloux konnte nicht feststellen, dass sich der dominierende Einfluss der US-Indikatoren in letzter Zeit abgeschwächt hätte. Anders als der Geldmarkt scheint der Anleihemarkt wenig auf die Abkopplungshoffnungen der EZB und der Bankvolkswirte zu geben.

„Die Größe der Exportanteile ist kein guter Indikator für die gegenseitige Abhängigkeit der Konjunktur im Euro-Raum und der seiner Handelspartner", bemerkt Calloux. „Im Gegensatz zur EZB stellen wir fest, dass die Wirtschaft des Euro-Raums sensibler auf die USA reagiert, als auf Großbritannien oder andere Handelspartner." Der Grund: Die RBS-Ökonomen haben festgestellt, dass die Exporte aus dem Euro-Raum in andere Länder als die USA sich meist ähnlich entwickeln wie die Exporte in die Vereinigten Staaten.

Zudem teilen nicht alle Bankvolkswirte die Markterwartung, dass der nächste Zinsschritt der US-Notenbank eine Senkung sein wird. So sind die US-Ökonomen der Royal Bank of Scotland zuversichtlich, dass die Konjunkturabschwächung in den USA moderat sein werde. Deshalb gehen sie davon aus, dass der Markt sich im Hinblick auf die Federal Reserve täuscht, nicht jedoch, was die Zinserhöhung durch die EZB angeht. Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt von Barclays Capital hat eine Hypothese parat, die erklären könnte, warum der Markt entgegen der historischen Erfahrung einen gegenläufigen Zinstrend erwartet: „Das Szenario wäre realistisch, wenn es sich jeweils um Feinjustierungen handelte“, sagt Callow, wenn also die EZB ein (vorerst) letztes Mal den Leitzins erhöhte und die Federal Reserve den ihren zur Sicherheit einmalig etwas absenkte.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%