Leitzinserhöhung gefordert: Ökonomen drängen EZB

Leitzinserhöhung gefordert
Ökonomen drängen EZB

Der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) wächst: Führende Geldpolitik-Experten haben von den Brüsseler Währungshütern gefordert, bereits am Donnerstag den Leitzins anzuheben. Die EZB hatte diesen zuletzt Anfang Dezember auf 3,5 Prozent erhöht.

FRANKFURT. Umfragen zufolge erwarten Finanzmarktanalysten fast einhellig, dass die EZB erst im März die nächste Zinserhöhung beschließt. Der Grund: EZB-Chef Jean-Claude Trichet hatte auf der letzten Pressekonferenz im Januar die entscheidenden Code-Wörter nicht verwendet, mit der er zuletzt immer eine Zinserhöhung im Folgemonat angekündigt hatte. Andererseits hat er erkennen lassen, dass die EZB weitere Zinserhöhungen für nötig hält.

„Die EZB muss den Leitzins weiter anheben, und es gibt keinen guten Grund damit zu warten“, sagte Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, auf der jüngsten Sitzung des EZB-Schattenrats. Das Gremium, dem 19 prominente europäische Volkswirte aus Banken, Hochschulen und Forschungsinstituten angehören, stimmte mit knapper Mehrheit von zehn zu neun Stimmen für eine Zinserhöhungsempfehlung an die EZB. Der EZB-Schattenrat formierte sich 2002 auf Initiative des Handelsblatts.

„Die Weltwirtschaft wächst kräftig, die Liquidität ist reichlich, und von einem durch höhere Steuern bedingten Abschwung ist in Deutschland und im Euro-Raum bisher nichts zu sehen“, begründete Mayer sein Votum.

Die Gegenseite betonte dagegen, dass die für die nächste Zeit günstigen Inflationsperspektiven der EZB reichlich Zeit ließen, um noch etwas abzuwarten und zu sehen, ob die europäische Wirtschaft die Steuererhöhungen vor allem in Deutschland tatsächlich so gut verkraftet, wie es im Moment aussieht. Mit knapp 2,0 Prozent in diesem und 1,9 Prozent im nächsten Jahr wird die Inflationsrate nach den Prognosen der Schattenräte im Stabilitätsbereich der EZB bleiben. „Entgegen den von der EZB geäußerten Befürchtungen hat sich die Inflationsrate der Kernrate (ohne Energie und Nahrungsmittel) nach unten angepasst und nicht umgekehrt, sagte Agnès Bénassy-Quéré, Direktorin des Pariser Wirtschaftsforschungsinstituts CEPII.

Im Zentrum der Argumentation der Zinserhöhungsbefürworter steht die Lohnpolitik. Zwar sind sich die Schattenräte einig, dass niedrige Lohnsteigerungen in den letzten Jahren zur Preisstabilität beigetragen haben. Doch erwarten die meisten Experten, dass im Zuge der wirtschaftlichen Belebung auch die Bescheidenheit der Arbeitnehmer ein Ende finden wird. Darauf müsse die Geldpolitik sehr frühzeitig reagieren.

„Eine Schlüsselrolle kommt den derzeitigen Tarifverhandlungen in Deutschland zu“, sagte Luigi Buttiglione, Chefvolkswirt des Londoner Hedge- Fonds Rubicon. Höhere Abschlüsse seien in Anbetracht der guten Wirtschaftslage verständlich und normal, aber die Zinsen müssten entsprechend angepasst werden. Michael Heise, Chefvolkswirt von Dresdner Bank und Allianz, hielt dagegen: „Wenn dabei drei Prozent herauskämen, wäre das zwar mehr, als ich empfehlen würde, aber die Inflation würde es nicht nach oben treiben.“

Giancarlo Corsetti, der neue Schattenrat

Stationen: Der renommierte italienische Ökonomieprofessor Giancarlo Corsetti ist neues Mitglied im EZB-Schattenrat. Er ersetzt den ehemaligen Chefvolkswirt von Lehman Brothers, John Llewellyn. Corsetti lehrte an den Universitäten Columbia, Yale, Bologna und zuletzt Rom, wo er sich für seine derzeitige Position am European University Institute in Florenz beurlauben ließ.

Spezialgebiete: Seine Spezialgebiete sind internationale Makroökonomie und Geldpolitik. Auf diesen Gebieten hat er eine Vielzahl von Aufsätzen in renommierten internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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