Lira knickt erneut ein: Türkei kann Kapitalflucht nicht stoppen

Lira knickt erneut ein
Türkei kann Kapitalflucht nicht stoppen

Die radikale Zinserhöhung der türkischen Notenbank ist verpufft. Damit hat sie ihr Pulver verschossen. Die Lira fällt weiter und die Krise in der Türkei gerät außer Kontrolle – mit dramatischen Folgen.
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DüsseldorfDie türkische Zentralbank stemmt sich mit drastischen Maßnahmen gegen den Verfall der heimischen Währung. Nach einer Krisensitzung hat sie die Leitzinsen von 4,5 auf 10 Prozent angehoben. Doch die Wirkung verpufft schnell. Übrig bleiben erhebliche wirtschaftliche und politische Risiken.

Zunächst war die Begeisterung an den Märkten groß: Nach der Entscheidung am späten Dienstagabend schoss der Kurs der türkischen Lira gegenüber dem Dollar innerhalb weniger Minuten um drei Prozent in die Höhe. Am Mittwoch sackte die Währung jedoch schon wieder ab. Die Lira notierte am Nachmittag zeitweise bei 2,317 Dollar – fast zwei Prozent tiefer als am Vortag.

Die Lira ist in den vergangenen drei Monaten um 20 Prozent gefallen, weil Investoren ihr Geld aus der Türkei abgezogen haben. Die Notenbank hat der Kapitalflucht lange tatenlos zugesehen. Noch in der vergangenen Woche schloss deren Chef Erdem Basci eine Erhöhung der Zinsen aus. Er nahm damit Rücksicht auf die Regierung unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.

Nach dem Willen Erdogans sollen die Zinsen niedrig bleiben, um die Konjunktur anzukurbeln. Seit seinem Amtsantritt ist die Wirtschaft jährlich um fünf Prozent oder mehr gewachsen. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen hat sich mehr als verdoppelt. Diese Erfolge sind nun in Gefahr.

Noch kurz vor der Krisensitzung der Zentralbank hatte Erdogan klar gemacht, dass er nichts von höheren Zinsen hält. Auch Medien übten Druck aus: „Bleibt standfest, hebt nicht an“, appellierte die regierungsnahe Zeitung Yeni Safak auf ihrer Titelseite an die Zentralbanker. Sie wirft der „Zinslobby in New York und London“ vor, die Lira nach unten geprügelt zu haben und damit die Türkei zu erpressen.

Nach der Zinsentscheidung kommentierte Erdogan: „Ich habe nicht die Befugnis, mich bei der Zentralbank einzumischen“, fügte aber an: „Ich bin wie immer auch heute gegen Zinserhöhungen.“ Die Schuld an einer drohenden Wirtschaftskrise lud er vorsorglich bei den Währungshütern ab: „Sie ist für alles verantwortlich, was nun entstehen könnte“, drohte der Ministerpräsident.

Der Verfall der Lira ließ der Notenbank jedoch kaum eine andere Wahl. Sie lief Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren, nicht nur bei internationalen Investoren, sondern auch in der Bevölkerung. Die schwache Währung heizt die Inflation an, weil die Türkei viele Rohstoffe und Waren importieren muss. Nach Angaben der Zentralbank war die Inflationsrate in der Türkei Ende vergangenen Jahres auf 7,4 Prozent gestiegen - deutlich über dem Ziel von fünf Prozent. Doch es gibt ein noch größeres Problem.

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Kommentare zu " Lira knickt erneut ein: Türkei kann Kapitalflucht nicht stoppen"

Alle Kommentare
  • Die jetzige Entwicklung in der Türkei war absehbar. Der Boom, auf den Herr Erdogan so stolz ist, war auf Schulden gebaut. Alle Warnungen wurden in den Wind geschlagen. Nun ist sie da, die Bescherung. Ein Glück, dass die Türkei noch kein EU-Mitglied ist. Sonst müssten wir jetzt zahlen. Nicht nur der Kursabsturz, sondern auch die jüngste politische Entwicklung zeigen: Die Türkei ist in keiner Hinsicht EU-fähig. Brüssel sollte endllich die Konsequenzen ziehen: Schluss mit den Beitrittsverhandlungen. Für sie gibt es keinerlei Basis. Das müssen SPD, Linke und Grüne in Deutschland auch noch lernen.

  • Die jetzige Entwicklung in der Türkei war absehbar. Der Boom, auf den Herr Erdogan so stolz ist, war auf Schulden gebaut. Alle Warnungen wurden in den Wind geschlagen. Nun ist sie da, die Bescherung. Ein Glück, dass die Türkei noch kein EU-Mitglied ist. Sonst müssten wir jetzt zahlen. Nicht nur der Kursabsturz, sondern auch die jüngste politische Entwicklung zeigen: Die Türkei ist in keiner Hinsicht EU-fähig. Brüssel sollte endllich die Konsequenzen ziehen: Schluss mit den Beitrittsverhandlungen. Für sie gibt es keinerlei Basis. Das müssen SPD, Linke und Grüne in Deutschland auch noch lernen.

  • @ orakel:
    Ihr Zitat: "...Ein Zusammenbruch des wirtschaftlichen Zwerges wie Griechenland hätte nur relativ geringe Konsequenzen zur Folge...."
    Meinen Sie es hätte sonst so einen Wirbel gegeben? :-) schön wäre der Gedanke aber schon.

    BIP 2008 Griechenland (10millionen Einwohner) 340mrd. USD

    BIP 2008 Türkei (75millionen Einwohner) 730mrd. USD

    Im Jahre 1985 waren es bei den Griechen 45mrd. USD und bei den Türken 67mrd. USD.

    Ich finde es ist so langsam genug mit diesem expansiven Wachstum.

    Dieser Anstieg ist überwiegend den Bauboom dort zu verdanken. Vergleichen Sie Istanbul von heute mit dem Istanbul aus dem Jahre 2000 und dann Athen. Es ist erstaunlich was in Istanbul an Skylines hochgezogen wurde, so als wollte Erdogan sein Istanbul, zum Grossteil in eine riesige Skyline-Stadt verwandeln welches Hongkong als ersten Step übertreffen sollte. Dafür lieh er sich viele Mrd. USD zu super Konditionen. Die Frage bleibt mit welcher Nachhaltigkeit er diese Hammer-Gebäude langfristig besetzen möchte? Mit dem Krieg gegen Aleviten in Syrien kann er das nicht weil er im eigenen Land selber Aleviten hat. Rest-Zypern erobern wurde auch langfristig keine Vorteile bringen. Also fühlt sich jetzt der geschlagene Hund gedrängt, wieder mit dem Iran Gespräche zu führen. Wäre die Türkei jetzt bereits in der EU, hätte es dort längst einen blutigen Bürgerkrieg gegeben. Das möchte wirklich niemand, weder Atatürk- noch Erdogan- oder Gülenfans.

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