Markt testet Schmerzgrenze
Euro-Hoch setzt Zentralbank unter Druck

Der Kurs des Euros hat sich am Wochenende bis auf weniger als einen halben Cent der Marke von 1,30 Dollar genähert und ist damit auf den höchsten Stand seit gut einem Jahr gestiegen. Der Markt testet die Schmerzgrenze der EZB. Analysten rätseln, wann die Notenbank eingreift.

FRANKFURT. Der massive Kursanstieg, der den Euro innerhalb von nicht ganz einem Monat um fast neun Cent nach oben getrieben hat, ist Reflex eines neuerlichen Schwächeanfalls des Dollars gegenüber allen wichtigen Währungen mit flexiblen Wechselkursen.

Erste Analysten warnen die Devisenhändler bereits, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bald ihr Schweigen brechen und sich verbal gegen eine weitere Aufwertung stemmen könnte. „Ich schätze, dass die EZB zwischen 1,30 und 1,32 Dollar anfangen wird, sich besorgt zu äußern“, schrieb am Freitag der Chef-Devisenstratege von Morgan Stanley, Stephen Jen, in seinem Kundenrundbrief. „Der Markt wird die Schmerzgrenze der EZB bald testen“, prognostizierten auch die Volkswirte von Bear Stearns.

Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die EZB bei einem Anstieg des Euros Richtung 1,30 Dollar zu Wort melden würde. Im Januar 2004, als der Euro-Kurs erstmals Anlauf auf diese Marke nahm, erklärte EZB-Chef Jean-Claude Trichet „brutale Wechselkursschwankungen“ für unerwünscht, was die Euro-Hausse zunächst beendete. Als der Euro im November 2004 wieder auf 1,30 Dollar zulief, bezeichnete Trichet die Wechselkursbewegung in offensichtlicher Anspielung auf seine erste Bemerkung „als fast schon brutal“. Diesmal beeindruckte der Wink mit dem Zaunpfahl die Devisenhändler jedoch nicht mehr, und der Euro stieg weiter bis auf sein bisheriges Rekordniveau von 1,3637 Dollar, das er im Dezember 2004 erreichte. Ein weiteres Mal stieg der Euro im März 2005 bis fast auf dieses Rekordhoch. EZB-Vertreter bleiben seit November 2004 jedoch stumm, was den Euro betrifft.

» Klicken Sie hier, um die Grafik zur Euro-Entwicklung von 1999 bis 2006 zu öffnen

Viele Analysten und Marktteilnehmer gehen bisher davon aus, dass die Notenbank sich dem Euro-Anstieg diesmal nicht verbal entgegenstemmen wird. Interventionen am Devisenmarkt werden erst recht auf absehbare Zeit nicht erwartet.

Hintergrund ist, dass die Konjunkturlage derzeit als sehr viel besser gilt als in den vorangegangenen Phasen der Euro-Stärke. Marktteilnehmer rechnen deshalb überwiegend nicht einmal damit, dass die EZB wegen des Euro-Höhenflugs den allseits für 8. Juni erwarteten nächsten Zinserhöhungsschritt ausfallen lassen könnte. Im Gegenteil: In den vier Wochen, in denen der Euro von 1,20 Dollar auf fast 1,30 Dollar nach oben schoss, ging der ausweislich der Terminsätze am Geldmarkt für das Jahresende erwartete Leitzins um 14 Hundertstel nach oben auf etwa 3,35 Prozent. Derzeit liegt der EZB-Leitzins bei 2,5 Prozent.

„Der Anstieg des Euros reflektiert den zunehmenden Optimismus der Investoren für die Wirtschaft des Euro-Raums“, sagt Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt von Barclays Capital, fügt aber hinzu, wenn der Anstieg sich fortsetze, könne er aber auch bald zur Gefahr für den Aufschwung werden. Auf keinen Fall solle die EZB mit einer unerwartet großen Zinserhöhung im Juni riskieren, die rasante Aufwertung noch weiter anzutreiben. Verschiedene EZB-Vertreter hatten in den letzten Tagen und Wochen gesagt, es sei noch offen, ob die Zinserhöhung einen viertel oder einen halben Prozentpunkt betragen werde.

Auch Angel Ubide, Research-Chef des Hedge-Fonds Tudor Investment, argumentiert, die EZB solle sich aber keinesfalls der Euro-Aufwertung entgegenstemmen, weil ein schwächerer Dollar unabdingbar sei, um die gefährlichen internationalen Handelsungleichgewichte abzubauen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%